Sport : Der Sonntagsschuss: Glück ist ... ein armer Verein

Christoph Biermann

Wenn sich in den nächsten Wochen die Scheinwerfer öffentlicher Aufmerksamkeit noch mehr auf den VfB Stuttgart richten sollten, ist Vorsicht geboten. Denn die hübsche Geschichte um den schwäbischen Vorzeigeklub, die dabei erzählt wird, ist zu schön, um wahr zu sein. Das hat nichts damit zu tun, dass der VfB Stuttgart aus der Distanz betrachtet stets ein langweiliger Verein gewesen ist, der in einem ungemütlichen Stadion vor wenig enthusiastischen Zuschauern uninteressanten Fußball gespielt hat. Gut, es gab die Zeiten des magischen Dreiecks Balakow-Bobic-Elber, doch die sind längst vergangen und fast vergessen. Danach versank der Klub in Agonie und weckte das Interesse jenseits der Schwäbischen Alb nur noch, wenn das Intrigenspiel von Krassimir Balakow in Komplizenschaft mit dem Vereinsvorsitzenden Gerhard Mayer-Vorfelder mal wieder einen Trainerrauswurf produzierte. Parallel dazu rutschte der Klub stets in der Tabelle weiter nach unten und beendete die letzte Saison genau einen Platz vor dem Bereich, von dem aus man sich schnurstracks in die Zweite Liga verabschiedet.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de In der Zwischenzeit war auch alles Geld verprasst, weshalb sich Trainer Felix Magath aufwändige Reisen zum Scouting neuer Spieler ersparen konnte. Der VfB Stuttgart war der einzige Profi-Klub in Deutschland, der ohne Neuverpflichtung in die Saison ging. Zudem ging Pablo Thiam zum FC Bayern, Kristian Lisztes nach Bremen, und einige andere mehr verließen den Klub, die durchaus regelmäßig für den VfB gekickt hatten. Das machte den VfB Stuttgart vor dieser Spielzeit zum brandheißen Abstiegskandidaten, zumal das unverstärkte Team in der Vorsaison insgesamt null Auswärtsspiele gewonnen hatte.

Doch dann kam alles ganz anders, und seitdem wird die Geschichte erzählt, vor der hier gewarnt werden soll. Denn landauf landab wird den Stuttgartern nun generös auf die Schultern geklopft, mit welch jugendlichem Schwung die Mannschaft derzeit spielt. Torhüter Hildebrand (22), Verteidiger Hinkel (19), Mittelfeldspieler Hleb (20) oder Angreifer Tiffert (19) beweisen, dass auch mit jungen Leuten Spiele zu gewinnen sind. Endlich hat mal ein Trainer Mut, auf seine Talente zu setzen, statt ihnen die längst sprichwörtlich gewordenen mittelmäßigen Ausländer vor die Nase zu setzen. So kann man bereits jetzt sagen, dass die Schwaben mit dem Abstieg nichts zu tun haben werden. Ja, vielleicht geht für den neuen Vorzeigeklub der Liga sogar noch was nach oben in der Tabelle - auswärts haben sie immerhin auch schon gewonnen.

Das Lob ist berechtigt, weil der VfB ansehnlich und erfolgreich zugleich spielt. Am letzten Wochenende haben sie gar den SC Freiburg, sonst immer für Jugendlichkeit und Innovationsfreude zuständig, locker mit 3:0 geschlagen. Und doch ist diese Geschichte eben leider zu schön, um wahr zu sein. Denn Felix Magath hätte, auch wenn er inzwischen sicher mit unbewegtem Gesicht das Gegenteil behauptet, liebend gerne mittelmäßige Ausländer gekauft, weil ihm angesichts der vielen Milchgesichter in seinem Kader angst und bange war. Das Lob für die Jugendarbeit ums Gottlieb-Daimler-Stadion ist zwar ebenfalls berechtigt, aber das wäre es vor fünf oder zehn Jahren auch schon gewesen. Denn schon lange wird dort exzellent ausgebildet, nur war der Klub nie arm genug, um seinen Talenten wirklich eine Chance zu geben.

Äußerst hilfreich ist in Stuttgart auch die ganz und gar seltsame Altersstruktur der Mannschaft. Es gibt eigentlich keinen Mittelbau, es gibt nur Alte und Junge. Der Coach hat daraufhin seinen altgedienten Kickern gemütliche Reservate eingerichtet, die Jungen müssen still sein. Renitente Profis mittleren Alters, die eine so wunderbar strukturierte Ordnung stören könnten, gibt es nicht. Das macht die Balakow (35), Soldo (34) oder Todt (31) zu freundlichen Onkeln, die ihren Schützlingen gerne helfen, weil sie sich in ihrem Status nicht mehr bedroht fühlen müssen. Besonders gerne spielt die Rolle selbstverständlich Krassimir Balakow. Der Bulgare hat sich ganz im Stile eines großen Chargen den Weißrussen Alexandr Hleb zum Meisterschüler erkoren, der bald seinen Platz auf der Bühne übernehmen wird.

Geplant und gewollt, das sei hier frech behauptet, war nichts davon. Der VfB Stuttgart wurde zu seinem Glück gezwungen. Aber es zeigt auch, dass es funktionieren kann, wenn man jugendliches Talent mit erfahrenen Profis paart. Dass der Erfahrungsvorsprung, deretwegen mittelmäßige Ausländer geholt werden, ausgeglichen werden kann. Schön eigentlich, man könnte es direkt mal absichtlich versuchen. Und dem VfB Stuttgart sei gewünscht, dass er beim gerade laufenden Verkauf seiner Vermarktungsrechte nicht genug Geld einnimmt, um sich alte Größe kaufen zu können.

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