Sport : Der Sonntagsschuss: Rückpass aus dem Strafraum

Christoph Biermann

Wenn sie das derzeitige Tempo beibehalten, können die Torjäger noch Mittelmaß erreichen. Noch haben die Stürmer der Liga an neun Spieltagen die Gelegenheit, ihre Bilanz zu verbessern. Bedenkt man jedoch, dass die treffsichersten Schützen es jeweils nur auf rund ein Dutzend Tore gebracht haben, dürften selbst die Besten von ihnen am Ende auf kaum mehr als 20 Treffer kommen. Keine Kopfballungeheuer also und keine Strafraumgespenster mehr, die Nummer Neun scheint ihren Schrecken verloren zu haben. Oder?

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Mehr als 30 Tore in einer Saison erzielte zuletzt Dieter Müller. Das ist ein Vierteljahrhundert her, als der Mittelstürmer des 1. FC Köln in den 34 Bundesligapartien durchschnittlich einen Treffer pro Spiel erzielte. Solche Quoten waren damals keine Seltenheit, auch der absolute Torrekord stammt aus jener Zeit. Gerd Müller, Torjäger aller Torjäger, erzielte 1972 die heute unglaubliche Zahl von 40 Toren. Doch schon Ende der Achtzigerjahre reichten halb so viele Treffer, um Torschützenkönig zu werden. 1989 wurde der Tiefstand erreicht, als Thomas Allofs vom 1. FC Köln und Roland Wohlfarth vom FC Bayern mit jeweils nur 17 Toren die sichersten Schützen der Bundesliga stellten. Seitdem hat sich die Zahl auf niedrigem Niveau stabilisiert. Auf mehr als jene 23 Treffer, die Michael Preetz 1999 schaffte, ist seit zwanzig Jahren niemand gekommen.

Ein Grund zur Aufregung und zu tief gehenden Bedenken ist das aber nicht. Niemand wird heute mehr behaupten, dass Stürmer allein an ihren Toren gemessen werden. Der Angreifer, den man neunzig Minuten lang nicht sieht, sich am Ende jedoch mit einem erzielten Treffer herausredet, wird es bald mit seinem Trainer zu tun bekommen. Spezialisten für das Verwerten von Torchancen, die sich ansonsten nicht am Spiel beteiligen, sind bestenfalls noch in unteren Klassen tragbar. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass spektakuläre Torquoten nur noch in der Zweiten Liga erreicht wurden. Vor knapp drei Jahren fehlten etwa Bruno Labbadia bei Arminia Bielefeld nur zwei Treffer an der 30-Tore-Marke.

Das Verschwinden der klassischen Torjäger ist durch die generellen Veränderungen des Spiels leicht zu erklären. Wie heute von einem Verteidiger verlangt wird, dass er am Offensivspiel teilnimmt, hat sich auch die Arbeitsplatzbeschreibung der Stürmer geändert. Verliert das angreifende Team den Ball, verwandeln sich auch die Angreifer sofort in Defensivspieler. Dann müssen sie entweder mithelfen, dem Gegner den Ball schon in dessen Hälfte wieder abzujagen. Oder sie lassen sich gar zurückfallen, um in der eigenen Hälfte bei der Verteidigungsarbeit mitzuhelfen.

Fast alle Mannschaften versuchen heute, in Ballnähe eine personelle Überzahl herzustellen, da kann auf die Mitarbeit der Kollegen der Offensive nicht verzichtet werden. Wer das unterlässt, läuft ins Verderben. Als letzter Torjäger alten Schlages beendete vor drei Jahren Toni Polster seine Karriere, als Borussia Mönchengladbach abstieg. In der Saison zuvor war Polster mit dem 1. FC Köln ebenfalls aus der Bundesliga abgestiegen. In beiden Fällen hatte der Österreicher noch eine beträchtliche Zahl an Toren erzielt. Weil er jedoch kaum noch in der Defensive mitarbeitete, trug Polster mehr zu den Problemen bei, die beide Klubs den Klassenerhalt kosteten, als sie zu lösen.

Für die Stürmer ist ihre veränderte Arbeitswelt mit Frustrationen verbunden. Die Mithilfe im Spiel nach hinten kostet Kraft und macht die Wege zum Tor des Gegners länger. Häufig werden sie auch als Anspielstationen in der Sturmmitte genutzt, auf dass sie nach hinten auf nachrückende Mittelfeldspieler ablegen, wie das besonders auffällig der hünenhafte Jan Koller von Borussia Dortmund macht. So ist es nicht einmal ausgeschlossen, dass mit Michael Ballack von Bayer Leverkusen in dieser Saison erstmals kein Stürmer, sondern ein Mittelfeldspieler erfolgreichster Torjäger wird.

Trotz dieser zusätzlichen Aufgaben werden Angreifer vom Publikum immer noch vorrangig daran gemessen, wie oft sie treffen. Wenn sie sich einmal eine Weile nicht als Schützen auszeichnen können, werden ihnen die Minuten ohne Torerfolg vorgerechnet, wie zuletzt geschehen bei Michael Preetz von Hertha BSC. Zu einer gerechten Bewertung eines Stürmers gehört es heute jedoch, wie sehr er sich im Aufbauspiel der Mannschaft bewährt und wie viel er zur Defensive beiträgt. Wenn also am Ende dieser Saison auf die dürre Zahl von Stürmertoren geschaut wird, sollten die Fans das nicht als Schwäche ausdeuten, sondern darauf schauen, was ihre Torjäger sonst alles leisten müssen.

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