Sport : Der Sozialarbeiter

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Benedikt Voigt versteht

endlich Stefan Effenberg

Es muss an München gelegen haben. Im ProminentenDreieck zwischen Grünwald, Säbener Straße und der Diskothek P1 kann man schon mal den Kontakt zum Rest der Weltbevölkerung verlieren. Woher soll man wissen, dass andere Menschen nicht in Cowboystiefeln und einer roten Lederhose zur Weihnachtsfeier schreiten? Wie soll man lernen, dass man Frauen in Diskotheken nicht mit einer Ohrfeige empfängt? Man ist ja schon fast froh über die ordentlichen Gerichte, die einem durch eine Verurteilung zu 150 000 Mark Strafe Orientierungshilfe geben. Und was soll man über Arbeitslose sagen, die man höchstens zu Gesicht bekommt, wenn sich der Verkehr auf der Lindwurmstraße staut, und der Autopilot die Ausweichroute durch die Thalkirchnerstraße anzeigt? Am Arbeitsamt vorbei. Ist doch verständlich, dass man in München Sachen sagen kann wie: „Ich würde die Stütze auf ein Minimum herabsetzen, so dass jeder arbeiten muss.“

Seit Stefan Effenberg in Wolfsburg spielt, ist er anders. Die Arbeiterstadt fördert den wahren Effenberg zu Tage. Aus München zurückgekehrt ist die gelernte Dienstleistungskraft der Bundespost wieder einer von uns. Am vergangenen Sonntag in Bochum hat Stefan Effenberg dies bewiesen. Als das Publikum ihn bei einem Eckstoß mit Feuerzeugen und Münzwürfen empfing, machte er verzweifelt eine abwehrende Handbewegung. „Das war ein Zeichen, dass man dies eigentlich nicht machen sollte“, erklärte Effenberg, „zumal durch die Euro-Umstellung viele nicht mehr so viel Geld in der Tasche haben.“ Ist es nicht rührend, wie er seine Mitmenschen davor bewahren will, eine Dummheit zu begehen? Mehr noch, der Millionär kümmert sich auch um die Finanzen der Fußballfreunde. „Die Leute sollten ihr Geld besser in den Taschen behalten, anstatt es zu mir zu werfen – nicht zuletzt wegen der Steuererhöhung und was alles noch so kommt.“ Stefan Effenberg, ein Mann des Volkes, dem das Gemeinwohl am Herzen liegt? Ein Vertreter der Wir-AG? Ein Sozialarbeiter auf dem Fußballplatz?

Ja, so ist es. Und plötzlich leuchtet seine Vergangenheit in einem anderen Licht. Jetzt erst verstehen wir Dinge, die wir längst vergessen hatten. Hatte Effenberg nicht einst in Mönchengladbach-Rheydt von der Kanzel der Pfarrkirche Sankt Franziskus gepredigt? Hat er uns Gläubigen nicht bei der Weltmeisterschaft in den USA ebenfalls ein Zeichen gegeben? Effenberg ermahnte uns mit ausgestrecktem Mittelfinger, dass wir uns nicht durch laute Pfiffe und Fluche versündigen dürfen. Der Christ Stefan Effenberg lebt die Nächstenliebe. Das macht auch vor seinen Mitspielern nicht halt. In jüngster Zeit kümmert er sich intensiv um die Frau seines ehemaligen Kollegen Thomas Strunz. Jetzt endlich verstehen wir auch das. Danke Wolfsburg.

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