Sport : Der Sozialverein braucht Hilfe

Auch in Bremen ist St. Pauli zu nett zum Gegner und wird in der Bundesliga nach hinten durchgereicht

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Aufsteiger im freien Fall. Gerald Asamoah (l.) und der FC St. Pauli laufen derzeit keinem Gegner davon. Foto: dpa
Aufsteiger im freien Fall. Gerald Asamoah (l.) und der FC St. Pauli laufen derzeit keinem Gegner davon. Foto: dpaFoto: dpa

Sie suchen etwas. „Wir haben ihn wohl nicht, diesen Killer-Instinkt“, sagte Max Kruse und sah traurig aus. An seiner Hose klebte noch der Dreck aus dem Weserstadion. Hinter dem Profi des FC St. Pauli lag ein ernüchternder Auftritt in der Bundesliga, an dessen Ende sich der Aufsteiger aus Hamburg 0:3 bei Werder Bremen geschlagen geben musste. Gut gespielt, wirklich schön anzusehen, aber am Ende doch nicht stark genug: Das Lob, das Holger Stanislawski für die Auftritte seiner Mannschaft häufig entgegennimmt, ärgert ihn angesichts des ausbleibenden Lohnes zunehmend. „Uns fehlt jegliche Konsequenz vor dem Tor“, meinte der sonst so viel Optimismus verbreitende Trainer. Stanislawski führt eine derzeit sehr erfolglose Mannschaft an, die nur noch zwei Punkte von den Abstiegsplätzen entfernt ist.

Die Euphorie eines Teams, das nach seiner Rückkehr in die Bundesliga voller Elan und Erfolg gestartet war, ist beängstigend schnell verflogen. „Für unsere guten Spiele vor ein paar Wochen können wir uns nichts mehr kaufen“, gesteht Stanislawski und ahnt, dass er sich mit seiner nach dem Aufstieg kaum veränderten Mannschaft auf ein gefährliches Spiel eingelassen hat. Die Konkurrenz hat längst gemerkt, dass das Hamburger Team nett kombinieren und gut kontern kann. Deshalb verpuffen die Tricks von Stanislawski häufiger, als es ihm lieb ist. Im jüngsten Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg hatte sich St. Pauli noch einen Punkt erkämpft, weil man fast alle taktischen Planspiele über Bord geworfen und äußerst rustikal gespielt hatte. In Bremen hatte es das Team um Kapitän Marius Ebbers am Sonntag wieder schöner, also mit dem spielerischen Moment versucht – und ist dabei bestraft worden. Den drei Treffern des starken Hugo Almeida, der in der Schlussphase wegen einer Tätlichkeit gegen Carlos Zambrano die Rote Karte sah, waren freundliche Einladungen zu Kontern vorausgegangen.

Um sich in der Bundesliga zu etablieren und dort viele Freunde zu finden, hat der FC St. Pauli viel investiert. Das umgebaute Stadion am Millerntor, in dessen Erdgeschoss ein hipper Fanshop platziert wurde, kommt sehr herausgeputzt daher. Der neue Vip-Bereich, mit edlem Holzfußboden in schickem Braun und hochmodernem Design, dürfte so manchen deutlich reicheren Klub vor Neid erblassen lassen. Aber irgendwie scheinen die Pauli-Verantwortlichen vergessen zu haben, auch genügend Geld in ihre Mannschaft zu investieren. Neuzugang Zambrano mag, was der entnervte Almeida seit kurzem bestätigen kann, mit seinem aggressiven Zweikampfverhalten eine äußerst unangenehme Verstärkung für die Abwehr sein. Der von Schalke 04 geholte Gerald Asamoah dagegen hat mehr Erfahrung als Laufbereitschaft mit nach Hamburg gebracht. Der Rest des Teams ist ebenso namen- wie harmlos. Wenn das Kollektiv nicht funktioniert, bekommt diese Mannschaft Probleme, die im Kampf um den Klassenerhalt elementar sind.

Die Spieler selbst finden auf die Frage, warum aus St. Pauli nach nur 14 Spieltagen ein bei der Konkurrenz beliebter Aufbaugegner geworden ist, keine schlüssige Antwort. „Wenn du wochenlang nicht triffst, wird es schwierig“, sagt Angreifer Asamoah, der im Weserstadion wie sein Kollege Fin Bartels immerhin die Latte getroffen hatte. Aber sie waren immer und immer wieder am überragenden Bremer Torhüter Tim Wiese oder eben an ihrer eigenen Unentschlossenheit gescheitert.

„Noch mal raus, noch mal quer, ich verstehe das auch nicht“, sagt Stanislawski, in dessen Gedanken als Trainer kein Platz dafür ist, dass man sich als Spieler dem Torabschluss verweigert. „Wo Not ist, wird geholfen. Es war noch nie so einfach wie heute, hier Punkte mitzunehmen“, sagte St. Paulis Sportchef Helmut Schulte und flüchtete sich in Galgenhumor. Die Entlastung für den unter Druck geratenen Werder-Trainer Thomas Schaaf bezeichnete Schulte ironisch als nette Geste seines sozialen Vereins. Mittelfeldspieler Max Kruse fand zu einer anderen Inhaltsangabe. „So kann man nicht gewinnen“, sagte der 22-Jährige, der zu ahnen scheint, dass es nicht mehr lange dauern könnte, bis der FC St. Pauli in der Tabelle auch noch von Schalke 04 und dem VfB Stuttgart eingeholt wird.

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