Sport : Der Spaß ist vorbei

Die Nationalelf testet schon mal den WM-Ernst

Stefan Hermanns

Hamburg - Am Ende des Abends gelang Tim Borowski doch noch eine klare Aktion: als er es schaffte, die ganze Zerrissenheit der allgemeinen Empfindungen in einen einzigen Satz zu fassen. Borowski war gefragt worden, was er denn von der Reaktion des Hamburger Publikums auf das Spiel der deutschen Nationalmannschaft halte. „Das war ein bisschen verständlich, aber auch unverständlich“, antwortete der Bremer. Treffender hätte man es nicht formulieren können.

Die deutsche Mannschaft hatte 1:0 gegen China gewonnen, doch als die Spieler nach dem Schlusspfiff wie gewohnt zu ihren Fans spazierten, pfiff ihnen die geballte Wut entgegen. Schon während des Spiels hatte sich der Unmut geregt. Kurz vor der Pause bejubelten die deutschen Fans sogar jeden gelungenen Pass der Chinesen, und ein paar Minuten vor dem Ende tat die Nordtribüne, was sie immer tut: Sie feierte den HSV. „Das Hamburger Publikum ist momentan sehr verwöhnt von einem sehr guten HSV“, sagte Joachim Löw, der Assistent von Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Diesem hohen Maßstab konnte die deutsche Mannschaft an diesem Abend nicht gerecht werden.

„Ich werde kein kritisches Wort über das Publikum verlieren“, sagte Löw, aber ein wenig irritiert war die Nationalmannschaft von der Reaktion der Zuschauer schon – weil sie ihren bisherigen Erfahrungen vollkommen entgegenlief. Gerade in schwieriger Zeit war der gemeine Fan zuletzt so etwas wie ein Korrektiv zur hysterischen Kritik in den Medien gewesen. Beim Confed-Cup wählten die Anhänger in den Stadien den am heftigsten gescholtenen Robert Huth zu ihrem neuen Liebling. Aus Trotz. In Hamburg aber folgte das Publikum der von der Boulevardpresse vorgegebenen Richtung. „Die Zuschauer haben den Confed-Cup noch im Kopf“, sagte Oliver Kahn. „Aber der Confed-Cup war einfach kein Maßstab. Er war eine schöne Spaßveranstaltung. Mit wirklich ernsthaften Dingen wie einer Weltmeisterschaft hatte er nichts zu tun.“

Der Test gegen die Chinesen kam dem Ernst, der die deutsche Mannschaft bei der WM erwartet, schon deutlich näher. „Wir werden bei der Vorrunde gegen mindestens zwei Mannschaften spielen, die sich nur hinten reinstellen“, sagte Klinsmann. Die Erkenntnis ist nicht neu; sie stand am Anfang seiner Tätigkeit als Bundestrainer. Aus ihr hat Klinsmann sein System abgeleitet, das mutige Spiel nach vorne, das gegen China allerdings stets in Ansätzen verendete. Klinsmann hatte zwei Stürmer – Podolski und Neuville – aufgeboten, die am liebsten aus dem Mittelfeld in die Tiefe des Raumes stoßen. Doch gegen die Chinesen gab es keinen tiefen Raum, wodurch das deutsche Spiel statisch und uninspiriert wirkte.

„Das ist eine wichtige Phase, die die Mannschaft nach dem Hype beim Confed-Cup jetzt durchmacht“, sagte Klinsmann. Der Unmut der Hamburger war ein weiterer Beleg dafür, dass die Nationalelf das Publikum stärker bewegt als jede andere Mannschaft – im Guten wie im Schlechten. Das Problem ist, dass es in naher Zukunft nicht viel Gutes geben könnte. Die Nationalelf spielt jetzt zweimal auswärts: in Frankreich und Italien. Bei neuen Misserfolgen droht die Stimmung umzuschlagen. Aus latenter Skepsis könnte kurz vor der WM offene Feindseligkeit werden.

„Vor dem Confed-Cup war auch alles zu Tode betrübt“, sagte Joachim Löw. „So ein Turnier entwickelt eine ganz eigene Dynamik. Da wird alles auf ein Maximum hochgeschraubt.“ Auch die Unterstützung der Fans für ihre Mannschaft. Man kann diese Haltung naiv finden oder fatalistisch. Andererseits: Wenn das Spiel gegen China das Achtelfinale der Weltmeisterschaft gewesen wäre, hätte nach einem 1:0-Sieg der Deutschen wohl niemand gepfiffen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben