Sport : Der Spielunterbrecher

Mit Dick Advocaat wollte Borussia Mönchengladbach fußballerisch wachsen – bisher gelingt das nicht

Stefan Hermanns[Mönchengladbach]

Das Sympathischste an Dick Advocaat ist seine Einstellung zu farbigen Fußballschuhen. „Ballettschühchen“ nennt er sie, und wenn einer seiner Spieler im Training mit weißen Schuhen über den herbstlichen Rasen schliddert, bereitet ihm das eine gewisse Freude. Der Holländer ist nun mal kein Freund gewagter Neuerungen. „Ich werde nichts ändern, nur um des Änderns willen“, sagt Advocaat, der seit knapp einem Monat den Fußball-Bundesligisten Borussia Mönchengladbach trainiert. Selbst am 4-4-2-System seines Vorgängers Holger Fach hat der Anhänger des offensiveren 4-3-3 festgehalten, auch personell sind die Veränderungen spärlich ausgefallen. „Die meisten haben auch unter Fach gespielt“, sagt Advocaat. In der Folge hat sich allerdings auch am Zustand der Mannschaft nur wenig verändert.

Als Advocaat noch Bondscoach der holländischen Nationalelf war, ist ihm sein Beharrungswille stets vorgeworfen worden. Und obwohl er das EM-Halbfinale erreicht hat, wurde Advocaat am Ende von den holländischen Medien aus dem Amt gemobbt. Für den Geschmack seiner Landsleute war Advocaat als Bondscoach zu wenig wagemutig: Im Zweifel hat er sich für Erfahrung entschieden.

In Mönchengladbach verfolgt der 57-Jährige eine ähnliche Linie. Thomas Broich, knapp 24 Jahre alt und in der vorigen Saison Gladbachs Hoffnung auf fußballerisch bessere Zeiten, kommt bei Advocaat nur in den Schlussminuten zum Einsatz. „Ein Spieler von 24 ist kein Talent mehr“, sagt er. An Broichs Stelle besetzt Marek Heinz die Position im offensiven Mittelfeld. „Er hat schon bewiesen, dass er auf höchstem Niveau spielen kann“, sagt Advocaat. Nur bei Borussia Mönchengladbach noch nicht.

Während Schalke und Hamburg mit ihren neuen Trainern zu ungebremsten Siegesserien aufgebrochen sind, ist Borussia vor dem Spiel am Samstag bei Hertha BSC wieder in den Abstiegskampf gestürzt. Beim 1:3 gegen den HSV, der zweiten Niederlage hintereinander, haben die Gladbacher genau jene spielerischen Mängel gezeigt, die auch Fach immer beklagt hatte. Wozu also musste man den Trainer wechseln? Sportdirektor Christian Hochstätter sagt, die Entscheidung für Advocaat habe er aus dem Bauch heraus getroffen. Nach Fachs Entlassung ist er im Kopf all die großen Namen durchgegangen, „bei denen du dir normalerweise eine Backpfeife abholst“.

Für Borussia Mönchengladbach, die graue Maus, die so gerne wieder weiß werden möchte, ist Dick Advocaat eine große Nummer. Sein internationales Renommee war ein wichtiges Auswahlkriterium, weil es der Vereinsführung nach dem Umzug in das neue Stadion mit dem Aufschwung gar nicht schnell genug gehen kann. Die Rahmenbedingungen sind so gut wie nie zuvor, der erhoffte Automatismus aber, neues Stadion gleich sportlicher Erfolg, ist bisher ausgeblieben.

„Wir kommen noch da hin, wo er hin will“, sagt Mittelfeldspieler Igor Demo. Advocaat gilt als Freund der Disziplin. Auf dem Platz legt er Wert darauf, dass die taktische Ordnung jederzeit eingehalten wird. Und wie alle Holländer trainiert auch Advocaat fast ausschließlich mit dem Ball. Die Einheiten sind jetzt kürzer als früher, dafür intensiver. Advocaat unterbricht oft, erklärt, was ihm vorschwebt, vor allem taktisch. Im Sommer noch hat er mit Fußballern wie Seedorf, Davids und van Nistelrooy zusammengearbeitet. Jetzt muss er im Training mit ansehen, wie manche seiner Spieler schon damit überfordert sind, ohne Bedrängnis eine präzise Flanke zu schlagen. Manchmal zuckt er nur auffällig mit der Schulter. Damit ist eigentlich alles gesagt.

„Wo ich gearbeitet habe, hatten wir Erfolg“, sagt Advocaat. Es ist so etwas wie sein Programm. Bei den Glasgow Rangers, seiner letzten Station als Vereinstrainer, hatte der Aufschwung jedoch einen profanen Grund: Innerhalb von vier Jahren verpflichtete Advocaat 39 Spieler für knapp 120 Millionen Euro. Im selben Zeitraum verkauften die Rangers 56 Spieler für 47 Millionen Euro. Die beiden Meisterschaften und drei Pokalsiege kosteten den Verein also knapp 73 Millionen Euro.

Auch Borussias Führung hat Advocaat für die Winterpause Verstärkungen zugesichert, die aktuellen Spieler arbeiten zurzeit gewissermaßen auf Probe. Dimensionen wie in Glasgow werden die Transfers allerdings nicht annehmen. Die Qualität eines Trainers zeigt sich schließlich auch daran, dass er aus den vorhandenen Spielern eine funktionierende Mannschaft formt. „Stimmt“, sagt Advocaat. „Aber ich ziehe das andere vor.“

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