Sport : Der Spion, der in die Boxengasse kam

Wie der Motorsport-Weltverband illegale Recherche in der Formel 1 fördert

Frank Bachner,Hartmut Moheit

Von Frank Bachner

und Hartmut Moheit

Berlin. Pat Behar hat einen kantigen Schädel, der an diese schwergewichtigen Catcher erinnert, die sich immer im Fernsehen prügeln. Er hat ein Kreuz wie ein Möbelpacker, und Pat Behar geht auch nicht richtig. Pat Behar stampft. Wenn er also unbefugten Fotografen Akkreditierungsmarken vom Hals reißt oder Filme aus Kameras zerrt, dann macht er in der Regel seinen Job verdammt gut. Pat Behar verdient zwar nicht viel, aber er darf sich als wichtigen Mann fühlen. Pat Behar sorgt dafür, dass nur spezielle Fotografen bei Formel-1-Rennen im Fahrerlager und in der Boxengasse fotografieren. Dafür bezahlt ihn der Motorsport-Weltverband Fia ja. Hält einer unerlaubt auf ein nicht abgedecktes Auto oder fokussiert ein Detail in einer Werkstatt, tja, dann sorgt Pat Behar für ein bisschen Nachhilfeunterricht. Doch selbst akkreditierte Fotografen dürfen Werkstätten und Computerräume nicht betreten.

Aber man muss das verstehen. Die Formel 1 ist ein Milliarden-Unternehmen, deshalb herrscht in der Hochgeschwindigkeits-Branche eine fast panische Angst vor Industriespionage. Und diese Industriespionage wird jetzt sogar hochoffiziell gefördert. Wer plaudert, erhält eine Million Dollar. Vom Motorsport-Weltverband… Es geht hier zwar nicht um klassische Industriespionage, es geht darum, dass die neuen Regeln eingehalten werden. Diese Regeln sind umstritten, vor allem, weil wenig Zeit bleibt, sie umzusetzen. Da ist die Gefahr groß, dass ein Team zum Beispiel erst mal nicht auf eine automatische Gangschaltung verzichtet.

Aber die Prämie verstärkt noch den Drang, die Konkurrenz auszuspähen. Und dieser Wunsch ist ohnehin schon ausgeprägt genug. Deshalb herrscht größtes Misstrauen. Fotografen zum Beispiel könnten mit digitalen Kameras auf einen Computer in einer Box zoomen. Wenn dort gerade Telemetriedaten sichtbar sind, könnten die Zahlen innerhalb von zwei Minuten auf dem Bildschirm eines Konkurrenten stehen. „Es geht das Gerücht, dass McLaren-Mercedes mit einem Störsender bestimmte Kameras blockiert hat“, sagt ein langjähriger Formel-1-Fotograf. Auf jeden Fall beschäftigen BMW, McLaren-Mercedes oder Ferrari eigene Fotografen in den Sicherheitszonen.

Doch das dient wohl eher dazu, auf jedes Sicherheitsdetail zu achten. Effektive Spionage in der Formel 1 läuft nicht mit Wanzen oder eingebauten Minikameras in Brillengestellen. „James-Bond-Methoden gibt es nicht in der Formel 1“, sagt ein erfahrener Renningenieur. Die wirkungsvollste Methode ist viel einfacher. Geld, ganz schnödes Geld. Man kauft sich Informationen. „Geld ist das entscheidende Mittel“, sagt der Ingenieur.

Das umfassende Wissen, weshalb ein Auto wirklich schnell ist, haben nur wenige Personen. Deshalb sind diese Technikchefs begehrt wie ein Tischplatz beim Dinner mit dem US-Präsidenten. Und diese Experten kennen ihren Marktwert. Der Aerodynamik-Chef von McLaren-Mercedes, Adrian Newey, wollte 2002 zu Jaguar wechseln. Er blieb dann doch, und es wird ihm nicht geschadet haben. Technikchef Gustav Brunner, der von Minardi zu Toyota wechselte, verdient im Jahr angeblich 1,8 Millionen Dollar. Und Ende 2002 wechselte der BMW-Motorenchef zu McLaren-Mercedes.

„Notfalls kommt man überall rein“

Natürlich haben die Seitenwechsler Verträge, in denen sie zum Schweigen über Firmendetails verpflichtet sind. „Aber man kann einem ja nicht den Kopf abschneiden, damit er definitiv nicht redet“, sagt der Renningenieur. Nicht selten wechseln Top-Leute genau deshalb, um ihr Wissen teuer zu verkaufen. Wer darauf nicht eingeht, bekommt Probleme. „Ich selber hatte mal große Schwierigkeiten nach einem Wechsel, als ich nicht alle Details meines früheren Arbeitsgebers preisgeben wollte“, sagt der Renningenieur. Eine gewisse Zurückhaltung ist oft aber auch Taktik. „Kein Topexperte gibt sofort sein ganzes Wissen preis. Das macht er erst, wenn er sicher ist, dass seine Forderungen erfüllt werden und er sein Geld erhält. So ein Job ist ja ein Schleudersitz“, sagt ein anderer Formel-1-Ingenieur.

Die Daten eines Teams sind zwar durch intensive Zugangskontrollen gesichert wie Fort Knox, „aber notfalls kommt man überall rein“, sagt der Ingenieur. „Man kann für ein paar Stunden für horrendes Geld einen Cray, den leistungsstärksten Computer der Welt, mieten.“ Der könne dann die vom fahrenden Rennwagen an die Box übermittelten Telemetriedaten abhören. Der Lauscher hätte zwar erst mal nur Zahlensalat, weil alle Daten selbstverständlich chiffriert sind, „aber so etwas kann man irgendwann knacken“.

McLaren-Mercedes hatte vor wenigen Jahren eine viel einfachere Methode angewandt. Als klar war, dass Ferrari bei einem Unternehmen in Florida Radträger aus Titan bestellen würde, kaufte der Ferrari-Konkurrent kurzerhand die ganze amerikanische Firma. McLaren-Mercedes hatte bis dahin seine Radträger aus Stahl geschweißt. Nun hatte das Team nicht bloß die wichtigen Daten über die Titanherstellung, sondern Ferrari musste sich auch mühsam einen anderen Lieferanten suchen. Außerdem konnte sich McLaren-Mercedes die Entwicklung eigener Titan-Radträger sparen.

Und so eine Entwicklung hat ihren Preis: fünf bis acht Millionen Euro.

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