Sport : "Der Sport braucht eine Art Greenpeace"

Wann haben Sie sich das letzte Mal gedopt, Herr Franke? Ich habe mich noch nie gedopt. Trinken Sie nie Kaffee, um sich wachzuhalten? Von Doping zu sprechen, macht nur im Sport Sinn. Hier spielt die Annahme eines Wettbewerbs, der für alle unter gleichen Bedingungen stattfindet, eine Rolle. Auf den Alltag läßt sich das nicht übertragen. Leider wird der Begriff Doping in letzter Zeit sehr ausufernd gebraucht. Warum lügen Sportler, wenn es um Doping geht? Ich glaube, um die Illusion vom sauberen Sport zu erhalten. Wenn sie es nicht tun, geben sie zu, daß Sport Zirkus ist. Ist das der Profi-Sport nicht längst? Für mich beginnt Zirkus erst dort, wo Ablauf und Ergebnis von vornherein feststehen, wie zum Beispiel beim Catchen. Das ist Show, und alle wissen es. Warum gefährdet Doping die Glaubwürdigkeit des Sports? Der Sportler übernimmt wie beim Theater eine Rolle, in die sich der Zuschauer hineinversetzt. Wenn Sport nicht mehr "sauber" ist, können sich die Zuschauer nicht mehr mit den Sportlern identifizieren. Aber trotz des Dopingskandals im vorigen Jahr bei der Tour de France stehen wieder Hunderttausende an der Strecke. Radsport ist in Frankreich tief in der Alltagskultur verwurzelt, ähnlich wie Fußball in Deutschland. Wegen eines einzigen Dopingskandals geben die Leute nicht auf, was ihnen lieb und teuer ist. Auch wenn man sich nicht mehr mit den Sportlern identifizieren kann? Die Sache ist noch nicht entschieden. Wenn etwa Jan Ullrich sagt: Mich kann man jederzeit und unangemeldet kontrollieren. Und wenn ihr mich erwischt, dann nagelt mich ans Kreuz! Das kann man für eine dreiste Lüge halten, es eröffnet aber auch die Möglichkeit, daß er es ehrlich meint. Macht Doping schwach? Für Athleten, die erst einmal ins Doping eingestiegen sind, ist die Versuchung sehr groß, weiterhin an der Grenze des Legalen alles zu versuchen, weil die Außenbelohnung sehr hoch ist. Allerdings bringt es keinen Vorteil mehr, wenn alle dopen. Wäre Doping-Freigabe nicht die Lösung? Wenn man Doping freigibt, müssen alle dopen, um mithalten zu können. Und das ist nachweislich ungesund. Heißt das, wir müssen zurück zur Moral des "Elf Freunde müßt ihr sein"? An die sogenannten hehren Prinzipien des Sports glauben sowieso nur noch Journalisten und ein Teil der Zuschauer. Bei den Sportlern dominiert längst Pragmatismus. Das einzig mögliche Gegengewicht ist die Angst, erwischt zu werden, und nicht das schlechte Gewissen, daß ich meinen Kumpel betrogen habe. Ihr Namensvetter Professor Franke aus Heidelberg sagt, die Sportler seien die Opfer des Systems und nicht die Täter. Abstrakt gesprochen, ja, konkret sind sie oft Marionetten der Funktionäre. Heißt das, die Funktionäre sind schuld? Damit personifiziert man nur das Problem. Aber sie sind die Schwachstellen des Systems. Sie nutzen die Tatsache aus, daß es bisher keine unabhängigen Gegenkräfte gibt. Im organisierten Sport herrschen Feudalstrukturen. Kontrollen sind die einzige Chance, um in einer modernen Gesellschaft Ethik durchzusetzen. Ist das Kontrollsystem nicht schon sehr weit entwickelt? Glaubwürdigkeit entsteht erst dann, wenn der Sport sich nicht selbst kontrolliert. Was wir im Augenblick praktizieren, vom IOC angefangen, ist das Heimschiedsrichter-Prinzip. Der Sport braucht ein kritisches Gegengewicht, vielleicht eine Art Greenpeace des Sports. Im Sinne einer Außenkontrolle waren die Polizeiaktionen bei der letztjährigen Tour de France richtig. Wie sehen denn weitere Lösungsvorschläge aus? Wir müssen die Sportwissenschaft und vor allem die Sportmedizin stärker zur Verantwortung ziehen. Die weitverbreitete Haltung, was die anderen aus meinen Forschungsergebnissen machen, geht mich nichts an, darf einfach nicht die gängige sein. Die Sportwissenschaft liefert die Erkenntnisse im Doping-Prozeß oder ist sogar aktiv an der Weiterentwicklung beteiligt. Was wir brauchen ist eine Wissenschaftsethik, die sich als Kontrollinstanz von Entscheidungsprozessen versteht.

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