Sport : Der Sport hat die Gräben nie zuschütten können

SEBASTIAN ARLT

Nur der Fußball, von beiden konfessionellen Lagern geliebt, nährt in Nordirland die HoffnungVON SEBASTIAN ARLT BELFAST.Schwerbewaffnete Polizisten in schußsicheren Westen, Soldaten in Kampfanzügen mit entsicherten Maschinengewehren, an jeder Ecke gepanzerte Fahrzeuge mit der Aufschrift "Crimestoppers", Sprengstoffsuchhunde schnüffeln an jedem Müllhaufen, von denen es hier, im Norden von Belfast, unzählige gibt: Eine Stunde vor dem Fußballspiel der ersten nordirischen Liga zwischen dem Cliftonville Football and Athletic Club und Ballymena United wirkt die Szenerie rund ums baufällige Stadion "Solitude" gespenstisch."Die üblichen Sicherheitskontrollen", brummt ein Polizist.Normalität, wenn der hauptsächlich von Katholiken favorisierte Cliftonville F.C.einen Klub empfängt, dessen Anhängerschaft fast ausnahmslos aus Protestanten besteht.Ein "ganz normaler" Sonnabend nachmittag in der nordirischen Hauptstadt, in der die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Mittwoch zum WM-Qualifikationsspiel gegen das heimische Team antreten wird. Doch Jim Boyce, der Präsident des Cliftonville F.C., hebt auf das Positive ab.Früher sei der Auftrieb an Polizisten und Soldaten noch sehr viel größer gewesen."Ich bin Optimist und glaube an eine gute Zukunft." Er setzt auf die integrative Kraft des Sports und darauf, "daß immer mehr immer vernünftiger werden".Fanatiker gäbe es in allen Bereichen.Noch müssen die Fans beider Lager im "Solitude" zwar in getrennten Fan-Blöcken stehen, "aber es gibt keine Haßgesänge und Provokationen mehr".Vor gut einem Jahr war der Fan-Bus aus Cliftonville beim Auswärtsspiel im Städtchen Portadown von radikalen Protestanten angegriffen worden.Die F.C.-Spieler weigerten sich daraufhin, zur zweiten Halbzeit anzutreten.Katholische Hardliner forderten damals den Rückzug des Teams aus der Liga.In ihr Weltbild hätte es gepaßt, wenn sich der Klub (wie seit mehr als 15 Jahren der FC Derry) fortan der Liga der Republik Irland angeschlossen hätte.Doch für Boyce, der auch Präsident des nordirischen Verbandes (IFA) ist, war dies "kein Thema, denn da waren politische Hooligans am Werk, die den Sport mißbraucht haben". Der Sport hat die Gräben nie zuschütten können, hat lange sogar zur Polarisierung zwischen den Mitgliedern der beiden konfessionellen Lager - katholische Minderheit und protestantische Mehrheit - beigetragen.Warum sollte der Sport das leisten können, was die Politik nicht geschafft hat im blutigen Konflikt zwischen treu zu Großbritannien stehenden protestantischen Loyalisten und zur Vereinigung mit der Republik Irland drängenden katholischen Nationalisten mitsamt ihren jeweiligen Untergrund- und Terror-Organisationen? So hat sich die 1884 gegründete Gaelic Athletic Association (GAA) von Anfang an als Teil der Widerstandsbewegung gegen die britische Besatzungsmacht verstanden.Die GAA steht den traditionellen gälischen Sportarten Gaelic Football (Mischung aus Rugby, Hand- und Fußball) und Hurling (wird mit hölzernen Keulen und einer schlagballartigen Lederkugel gespielt) vor.Die GAA-Regeln schließen von vorneherein britische Polizisten, Soldaten und Gefängniswärter aus, in den Regeln werden diese als "enemies" ("Feinde") bezeichnet.Immer wieder hat es bei Sportveranstaltungen Tote gegeben, beispielsweise kurz vor der "Teilung" Irlands, am "blutigen Sonntag" (21.November 1920), als bei einem britischen Vergeltungsschlag im "Croke Park" zu Dublin 13 Menschen erschossen wurden. Daß sich bestimmte Konfessionen bestimmten Sportarten hingezogen fühlen, wird von den konfessionell ausgerichteten Schulen massiv forciert.Während den jungen Protestanten vor allem britische Spiele wie Hockey, Rugby und Cricket beigebracht werden, stehen für die Katholiken die gälischen Sportarten auf dem Stundenplan.Fußball war jedoch schon immer ein Spiel, das beide Konfessionen in seinen Bann zieht.Und: In allen Teams, auch bei Cliftonville oder Ballymena, spielen Kicker beider Glaubensrichtungen. Im improvisierten Pub unter der Tribüne in Cliftonville sind die Meinungen der wenigen, die überhaupt Stellung nehmen wollen, geteilt über die Aussichten der für Mitte September anberaumten Friedensgespräche.Hoffnungsvoll erinnert ein älterer Mann an Südafrika: "Da hat doch vor Jahren auch keiner gedacht, daß sich die Dinge so ändern." Anderer Meinung ist einer, dessen Tätowierungen an Hals und Armen - nationale irische Symbole und das Wappen des streng katholischen schottischen Klubs Celtic Glasgow - Fragen nach seiner Gesinnung überflüssig machen."Nie" werde es zu einer Aussöhnung kommen.Und Boyce, obwohl er der Chef "seines" heißgeliebten Klubs ist, sei ihm sowieso suspekt."Der ist irgendwie anders ..." Der stets um Ausgleich bemühte Boyce ist übrigens Protestant - und Anhänger der Glasgow Rangers.

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