Sport : Der Sport ist keine Firma

DSB-Chef von Richthofen über Strukturfehler und mangelnde Demokratie im neuen Sportdachverband

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Herr von Richthofen, was machen Sie eigentlich nach dem 20. Mai?

Am 24. Mai fahre ich nach Florenz in den Urlaub. Und mein Bruder hat ein Haus in Spanien, da war ich auch noch nie.

Geht es für Sie im Sport weiter nach der Fusion des Nationalen Olympischen Komitees und Ihres Deutschen Sportbundes?

Kann gut sein, dass ich einen Posten bekomme.

Das klingt nach der Ehrenpräsidentschaft im Deutschen Olympischen Sportbund.

Warten Sie den 20. Mai ab.

Ist die Fusion zum DOSB die Vollendung Ihres sportpolitischen Lebenswerks?

Wenn Sie so wollen, ja. Vor elf Jahren, als ich gerade ein Jahr DSB-Präsident war, habe ich gesagt, dass wir mit nur einer Organisation wirkungsvoller gegenüber Politik und Wirtschaft wären. Aber das Nationale Olympische Komitee hat ja schon den Gesprächskreis abgelehnt, der sich mit der Fusion beschäftigen sollte.

Hat der deutsche Sport elf Jahre verloren?

Wir sind ja nicht auf der Stelle geblieben. Wir haben ein Netz von Eliteschulen des Sports, die Olympiastützpunkte wurden ausgebaut. Es gibt neue Förderkonzepte, gesellschaftspolitisch ging es intensiv weiter. Aber leider hat man mit zwei Verwaltungen gearbeitet und mit zu vielen, zu großen Gremien. Da hätte man eine Menge Geld sparen können.

Der Preis, den Sie persönlich für die späte Vereinigung zahlen, ist hoch: Sie können im neuen Dachverband nicht mitwirken.

Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, wäre das sicher hochinteressant. Aber wir haben erfreulicherweise in der neuen Satzung festgelegt, dass man vom 70. Lebensjahr an nicht wählbar ist. An der Spitze einer Sportorganisation sollten Frauen und Männer sein, die noch starken Kontakt zu den Sportlern haben. Ich merke es selbst: Die Sprache ist eine andere.

Thomas Bach, der designierte DOSB-Präsident, hat ein neues Verständnis von der Arbeit des Präsidiums. Es soll wie ein Aufsichtsrat wirken, die hauptamtliche Führung dafür mehr Verantwortung bekommen. Kann man einen Verband so führen?

Bei einer Organisation mit 27 Millionen Mitgliedschaften muss das Hauptamt stärker einbezogen werden. Dennoch: Diese Sportorganisation lässt sich nicht wie ein Wirtschaftsunternehmen führen. Sie verkaufen ja nichts und sind nicht primär auf Profit aus. Sie müssen die enge Verbindung mit denen suchen, die die Basisarbeit leisten. Das sind Vereine und Verbände, die werden größtenteils ehrenamtlich geführt. Die wollen erkennen, dass ihre Führung mit den gleichen Nöten zu kämpfen hat wie sie. Ich habe in den Begegnungen mit Vereinen sehr viel erfahren.

Was denn zum Beispiel?

Die Schwierigkeiten mit bürokratischem Ballast waren immer ein Thema. Wir hatten hunderte Beschwerden von Schiedsrichtern, dass Behörden und Arbeitgeber sie nicht freistellen für ihre Tätigkeit. Vereine sind oft überfordert, wenn sie sich darum allein kümmern müssen.

Wird das DOSB-Präsidium den Kontakt zur Basis verlieren?

Auch das zukünftige Präsidium wird einsehen, dass es sich nicht beschränken kann auf eine reine Aufsichtsratstätigkeit. Dennoch kann man verstärkt den hauptamtlichen Bereich einsetzen in der Kontaktaufnahme. Ob die unten immer zufrieden sind, wenn nur ein Sachbearbeiter kommt, ist allerdings fraglich.

Sehen Sie es skeptisch, dass es bei den Wahlen zum DOSB-Präsidium überhaupt keine Kampfkandidatur gibt?

Ich selbst habe verschiedene Kampfkandidaturen hinter mir. Der Sport lebt wie jede demokratische Organisation auch von Alternativen.

Wie wird sich das schwierige Verhältnis zwischen Leistungssport und Breitensport entwickeln? Da gab es schon bei den Fusionsgesprächen Streit.

Der Breitensport ist ein atemberaubender Bereich. Im Seniorensport sind wir am meisten gefordert, dort haben wir hohe Zuwächse. Wenn es uns gelingt, gut ausgebildete Übungsleiter zu finden, die diese fitten Mitbürger betreuen, können wir große Sprünge machen. Auch der Jugendbereich steht vor neuen Aufgaben. Da müssen wir uns intensiv mit der Ganztagsschule beschäftigen. Nachmittags sollte man Arbeitsgemeinschaften bilden zwischen Schule und Verein.

Was gehört noch zum Leitbild?

Beim Leistungssport muss sich der Verband klar werden: Will man verstärkt mit Konzentration arbeiten oder mit Flächendeckung? Im Diskuswerfen leuchtet mir nicht ein, warum ich sechs Stützpunkte haben muss. Wahrscheinlich sind zwei oder drei ausreichend. Auch bei Boxen, Ringen und Gewichtheben sind Konzentrationen nötig. Ich muss sehen, wo es sich lohnt, Anstrengungen zu verstärken, um international mitzuhalten, und wo es eher sinnvoll ist, sich auf den Nachwuchs zu konzentrieren. Die Schlüsselfrage im Leistungssport ist die Trainerausbildung. Da habe ich die größte Sorge. Da jetzt viele erfahrene, ältere Trainer ausscheiden und wir keinen geeigneten Nachwuchs finden, müssen wir ihn aus dem Ausland holen – was teurer ist.

Was war Ihre größte Niederlage?

Das Bedauerlichste ist, dass es dem damaligen Innenminister Otto Schily und mir nicht gelungen ist, die Nationale Anti-Doping-Agentur als unabhängige Kontrollinstanz auf eine vernünftige Finanzbasis zu stellen. Wir haben uns eine Riesenmühe gegeben, Schily hat sein liebenswürdigstes Gesicht aufgesetzt. Doch die Gespräche mit der Wirtschaft scheiterten, die Pharmaindustrie ließ uns im Stich. Wenn die Finanzierung der Nada nicht verbessert wird, kommt sie in eine Krise.

Auf welche Leistung sind Sie stolz?

Der Sport hat seine Unabhängigkeit gewahrt und ist politisch vorangekommen. Eine Herzensangelegenheit war für mich die Zusammenführung der beiden Hälften Deutschlands im Sport. Jetzt gibt es noch einen Zusammenschluss. Daran kann man sehen, dass es gemeinsam im Sport besser geht.

Das Gespräch führten Robert Ide und Friedhard Teuffel.

Manfred von Richthofen, 72, ist Chef des Deutschen Sportbundes. Der Verband fusioniert am Samstag mit dem Nationalen Olympischen Komitee zum Deutschen Olympischen Sportbund.

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