DER SPORTPSYCHOLOGE : „Nicht faul werden!“

Herr Mickler, der FC Bayern hat sein Trainingsgelände luxuriös renovieren lassen: Dachterrasse, Hörsaal, Begegnungsraum mit Spielkonsolen. Was meinen Sie als Sportpsychologe: Erhöht das die Chancen auf den Meistertitel?

Wenn Menschen die Wahl zwischen Fünf-Sterne-Palast und Zeltplatz haben, entscheidet sich die Mehrheit mit Sicherheit für das Luxushotel. Natürlich ist es verständlich, dass ich mir meinen Arbeitsplatz – und nichts anderes ist der Trainingskomplex – so angenehm wie möglich gestalten möchte. Ob eine luxuriöse Umgebung allerdings zwingend die Leistungsfähigkeit steigert, ist fraglich.

Kann sich Luxus negativ auswirken?

Sicher. Wenn das Ambiente dazu verführt, faul zu werden, bringt keiner mehr Höchstleistungen. Es ist kein unbekanntes Phänomen, dass Manager, die viele Annehmlichkeiten gewohnt sind, eine Sehnsucht nach Einfachheit entwickeln.

Was ist also die vielversprechendere Strategie: Sekt oder Selters?

Letztendlich entscheidet die Funktionalität und nicht die Exklusivität einer Örtlichkeit darüber, ob sie motiviert. Fühle ich mich wohl? Gibt es hier gute Regenerationsmöglichkeiten? Wenn ich acht Stunden oder mehr am Tag an einem Ort verbringe, brauche ich Rückzugsräume, in denen ich entspannen kann.

Ist der Bayern-Luxus etwas Seltenes?

Das Olympische Dorf ist dagegen ein Studentenwohnheim. Das muss der Leistung nicht abträglich sein.

Christoph Daum stellte seinen Spielern keine Buddhas aufs Dach, sondern ließ sie über glühende Kohlen laufen.

Trainiert wurde unter Daum trotzdem. Die Sache mit den Kohlen gehört eher in die Abteilung Motivation. Solche Dinge macht man, um ein Team zusammenzuschweißen.

Neben Luxus gibt es aber auch Regeln. Im Quartier dürfen die Bayern-Spielern angeblich nicht telefonieren. Wie sinnvoll ist eine solche Abschottung für die Konzentration?

Das kann schon richtig sein. Privates kann fraglos ablenken und belasten. Außerdem kann eine Abschottung von der Öffentlichkeit auch gut für das Training sein. Wenn ich mich nicht beobachtet fühle, bin ich eher bereit, Fehler zu machen. Öffentlichkeit kann hemmen.

Werner Mickler (50) ist Sportpsychologe an der Sporthochschule Köln. Er arbeitet in der Trainerausbildung. Mit ihm sprach Moritz Honert.

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