Sport : Der Sprinter von nebenan

Mit seiner Bescheidenheit unterscheidet sich 100-Meter-Läufer Tobias Unger von seinen US-Kollegen

Friedhard Teuffel[Bochum]

Wenn es nicht so unfreundlich klänge, könnte man Tobias Unger einen Anti-Amerikaner nennen. Auf der Leichtathletikbahn ist er nämlich ein Gegenentwurf zu den Sprintern aus den Vereinigten Staaten. Das fängt schon am Start an, wo Unger seinen Mitläufern applaudiert, anstatt sie mit Hampeleien aus dem Konzept zu bringen. „Die haben das einfach verdient“, sagt Unger. Und es geht auch nach dem Rennen so weiter, wenn Unger völlig uncool erzählt, dass er sich wie ein kleiner Junge auf seine Läufe freue. „Ich kann nachts vor einem Rennen manchmal kaum schlafen.“

So schnell wie die Amerikaner läuft der 25-Jährige Schwabe noch nicht, aber er ist nun auf der kurzen Strecke der beste Deutsche. Bei den deutschen Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid kam er am ersten Tag überraschend nach 100 Metern als Erster ins Ziel. 10,16 Sekunden brauchte er, so schnell war er noch nie, und insgesamt haben erst sieben deutsche Läufer für diese Distanz weniger Zeit gebraucht. Als Zweiter kam gestern im Lohrheide-Stadion nach 10,29 Sekunden Marc Blume vom TV Wattenscheid an. Blume ist seit mehr als zehn Jahren der beste deutsche Läufer auf dieser Strecke, jetzt hat ihn Unger überholt.

Vor dem Rennen hatte Blume noch Unger erzählt, dass sich das Laufen auf 100 Metern ganz anders anfühle, wenn man unter 10,20 Sekunden bleibe. Blume weiß das, weil seine eigene Bestzeit bei 10,13 Sekunden liegt. „Ich muss ihm Recht geben“, sagte Unger hinterher, „es ist wirklich ein anderes Gefühl.“ Eigentlich galt Unger bisher als Spezialist für die doppelte Distanz, vor allem weil er über 200 Meter bei den Olympischen Spielen in Athen Siebter geworden war. Er war nach zwanzig Jahren der erste Läufer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes in einem olympischen 200-Meter-Finale. Seit dem siebten Platz ist er der Liebling in der deutschen Leichtathletik. Das liegt an seiner Disziplin, weil der Sprint immer ein Spektakel ist, aber auch an seiner bodenständigen Art.

Tobias Unger ist der Sprinter von nebenan. Seine Muskeln haben noch nicht so bedrohliche Ausmaße angenommen wie bei vielen seiner Konkurrenten, und seine Leistungsfortschritte kann er meist plausibel mit neuen Trainingsmethoden erklären. Sein Geschwindigkeitszuwachs über 100 Meter etwa komme daher, dass er bei seinem Klub LAZ Salamander Kornwestheim/Ludwigsburg noch eine Einheit Schnellkrafttraining mehr in seinen Plan eingebaut habe.

Die Zuschauer jubelten ihm jedenfalls so zu, als habe gerade Lokalmatador Marc Blume gewonnen. „Es ist sehr schön für mich, dass ich vom Publikum genauso viel Applaus bekomme wie die Wattenscheider“, sagte Unger. Er selbst will seinen Erfolg nur bescheiden feiern. „Es gibt ein alkoholfreies Bier. Dann gehe ich früh ins Bett und freue mich auf morgen.“ Am heutigen Sonntag findet das wesentliche Rennen für Unger statt, die 200 Meter. Während Unger zum ersten Mal einen deutschen Meistertitel über 100 Meter gewonnen hat, muss er auf der doppelten Strecke den Titel verteidigen. Ohnehin ist Unger vor dem Start über 200 Meter viel aufgeregter: „Da mache ich mir noch Gedanken, wie ich aus der Kurve komme. Solche Sorgen brauche ich mir über 100 Meter nicht zu machen.“

Im Grunde seien seine Starts über 100 Meter nur eine Belohnung für seine Erfolge über 200 Meter, eine schnelle Zugabe. Für die Weltmeisterschaft im August in Helsinki hat sich Unger vorgenommen, es genau wie in Athen in den Endlauf über 200 Meter zu schaffen. Er wäre auch gut genug, über die 100 Meter zu starten. „Es wäre wirklich illusorisch, von mir eine Medaille zu erwarten“, sagt Unger und schiebt dann einen seiner Lieblingssätze hinterher: „Wir sind hier nicht bei Wünsch’ Dir was.“ Offenbar zweifelt er auch nicht an der Sauberkeit der Leistungen einiger seiner Konkurrenten, gerade der Amerikaner, die regelmäßig unter 20 Sekunden bleiben. „Das macht mich auch nicht schneller“, sagt Unger. Dennoch hat Tobias Unger schon Erstaunliches geschafft: kein WM-Medaillenkandidat zu sein und trotzdem im Moment von allen deutschen Leichtathleten die meiste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

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