Sport : Der spuckende König

Francesco Totti bittet um Gnade, doch die Uefa bleibt hart: Der Italiener wird für drei Spiele gesperrt

Vincenzo delle Donne[Rom]

In der Stunde der selbst verschuldeten Niederlage trat jene Einsilbigkeit wieder zu Tage, die Francesco Tottis Charakter beigegeben ist wie sein exzellentes fußballerisches Können: „Ob eine Sperre von drei Spieltagen zu viel ist? Ich weiß es nicht!“ Mehr wollte und konnte der Superstar nicht sagen. Die Quittung für seine Spuck-Attacke gegen den dänischen Spieler Christian Poulsen im ersten Vorrundenspiel der Italiener gegen Dänemark schmerzte offenbar sehr. Denn die unkontrollierte Aktion, die nur eine Kamera des dänischen Fernsehens eingefangen hatte, trifft ganz Italien. Die Disziplinarkommission unter der Leitung des Spaniers José Luís Vilaseca sperrte den 28-jährigen Römer für drei Spieltage wegen „groben unsportlichen Verhaltens“. Möglicherweise ist es das Ende der italienischen Träume vom EM-Sieg.

Während der Verhandlung vor der Disziplinarkommission des europäischen Fußballverbandes Uefa hatte Totti den Büßer gemimt. Nach den Entschuldigungen und obligaten Reuebekundungen bekräftigte er, dass er sich nicht in jener Geste wieder erkenne. Ein Fall bekannter Schizophrenie also, wie er sich auf dem Spielfeld mehrfach abspielt? Die italienische Nationalmannschaft muss vorläufig auf ihn verzichten. Nur wenn sie das Halbfinale erreichen sollte, könnte sie ihn wieder einsetzen. Dabei hatte Trainer Giovanni Trapattoni im Vorfeld den Römer in höchsten Tönen gelobt. „Keine Mannschaft hat einen wie Francesco“, schwärmte der Maestro, „nur wir. Er ist spielentscheidend wie einst Platini.“

Die römischen Tifosi nennen Totti den König von Rom, und sie verzeihen ihm jedesmal, wenn er über die Stränge schlägt. Denn der unangefochtene Souverän des italienischen Fußballs hat das Benehmen eines Subproletariers. Lange Zeit galt er außerdem als Depp der Fußballnation. Ein brillanter Fußballer aus einem römischen Vorort zwar, aber seine begrenzten geistigen Kapazitäten wurden fast zum geflügelten Wort. Witze kursierten im ganzen Land – so viele und so gute, dass seine Manager Handlungsbedarf sahen. Sie ergriffen die Flucht nach vorne, sammelten die Witze und veröffentlichten sie. Das Buch wurde ein Bestseller. Tottis Tantiemen kamen einer gemeinnützigen Einrichtung zu Gute. Tottis Image veränderte sich schlagartig. „Man titulierte mich als schlecht erzogen, Halbstarken oder Ignoranten, jetzt haben die Leute verstanden, dass ich auch witzig sein kann“, sagte er bei der Vorstellung des Buches.

Im eigenen Lande wird Totti seit Jahren als Superstar verehrt und heftig von den Traditionsvereinen umworben. Ein Wechsel vom bankrotten AS Roma zum AC Milan von Ministerpräsident Silvio Berlusconi steht wohl demnächst an. Den Vereinsoberen ist bewusst, dass das eine handfeste Revolution bei den Roma-Tifosi auslösen würde.

Um Totti aus der Bredouille zu helfen, ließ der italienische Fußballverband zwei Spitzenanwälte einfliegen, die den Superstar vor der Disziplinarkommission der Uefa verteidigten: Mario Gallavoti und Giulia Bongiorno. Die drahtige Bongiorno machte sich zuletzt einen Namen als Verteidigerin von Giulio Andreotti. Die 38-jährige Sizilianerin erwirkte im letzten Jahr in zweiter Instanz den Freispruch des früheren Ministerpräsidenten im Verfahren wegen Unterstützung der Mafia. Mit der Begründung übrigens, dass es nur klar erwiesen sei, dass Andreotti bis 1980 die Mafia unterstützt habe. Diese Vergehen seien aber verjährt.

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