Sport : Der Staatenlose

Für die deutschen Eiskunstlauf-Herren lief bei der Europameisterschaft in Lausanne einiges nicht nach Wunsch. Stefan Lindemann musste mit dem zwölften Rang vorlieb nehmen, Andrejs Vlacsenko wurde zwar nach einer Kür mit Stürzen und einigen unsauberen Sprüngen Achter, doch da er noch immer keinen deutschen Pass hat, ist sein Olympiastart in Salt Lake City höchst fraglich. Der dreifache Weltmeister Alexej Jagudin hat sich auch zum dritten Mal die Goldmedaille bei dieser EM gesichert. In Abwesenheit von Titelverteidiger Ewgeni Pluschenko konnte dem 21-jährigen Ausnahmeläufer, der in der Kür Schwächen zeigte, kein Konkurrent Paroli bieten. Silber holte in Lausanne sein Landsmann Alexander Abt vor Brian Joubert (Frankreich).

Vlacsenko hatte in Lausanne nach eigenem Bekunden "das beste Kurzprogramm der Saison" hingelegt, bei der Kür gestern Abend ging einiges daneben. "Ein bisschen ist alles egal. Gedanken wegen Olympia mache ich mir nicht mehr", sagte der gebürtige Russe. Ohne deutschen Pass hat er keine Chance, tatsächlich noch nach Salt Lake City zu fahren. Und die Aussichten, noch rechtzeitig vor der Abreise nach Utah eingebürgert zu werden, schwinden von Tag zu Tag.

Dass ein seit Jahren laufender Antrag auf Erteilung der deutschen Staatsbürgerschaft immer noch nicht positiv entschieden wurde, ist die Schuld aller Beteiligten. Der 27-Jährige, der seit knapp acht Jahren in Deutschland lebt, war 1997 zweimal mit Alkohol am Steuer erwischt worden und gilt seither als vorbestraft. Aber auch die Deutsche Eislauf-Union (DEU) unterstützte den Antrag nur noch halbherzig, nachdem der Erfurter Stefan Lindemann Vlascenko sportlich den Rang abzulaufen schien.

DEU-Präsidentin Angela Siedenberg schob die Schuld in Lausanne allerdings umgehend an den bayerischen Landesverband weiter: "Dort hat man uns zugesagt, dank guter regionaler Kontakte Andrejs am besten helfen zu können." Offensichtlich ein Trugschluss. Doch statt das Verfahren selbst in die Hand zu nehmen, vertraute man lieber einer ruhigen Hand, ohne greifbares Ergebnis, wie es scheint.

Dabei geht es für den viermaligen Deutschen Meister um mehr als die deutsche Staatsbürgerschaft. "Die finanzielle Lage von Andrejs ist katastrophal, die ungewisse Situation macht ihn fertig", sagte seine Trainerin Steffi Ruttkies. Als Staatenloser muss der in Weimar geborene Sohn eines dort stationierten Sowjetsoldaten seine Aufenthaltsgenehmigung jährlich erneuern, offiziell arbeiten darf er nicht. Selbst für einen Skiurlaub in Österreich ist die Ausstellung eines Visums erforderlich.

Dumm für die DEU, dass der seit Jahren als Hoffnungsträger protegierte Lindemann die fest eingeplante Olympia-Qualifikation abschreiben kann. Der ehemalige Junioren-Weltmeister stürzte nach dem Kurzprogramm bis auf den zwölften Platz ab, den er gestern Abend auch nach einer soliden, aber nicht überragenden Kür nicht verlassen konnte. Ein achter Platz wäre für die Nominierung durch das Nationale Olympische Komitee erforderlich gewesen. Der 21-Jährige musste die Landung des dreifachen Axel gleich zweimal mit der Hand abstützen, dieses Manko konnte der Zeitsoldat auch nicht dadurch kompensieren, dass er sich erstmals in seiner Karriere an den vierfachen Toe-Loop wagte. Denn Lindemann stürzte beim "Königssprung", damit war auch die letzte Olympia-Chance vertan. Später machte es Vlacsenko nicht besser.

Vlascenko hat seinem Rivalen weiter voraus, dass zumindest eine Olympiateilnahme auf seinem Konto steht. 1994 in Lillehammer lief der elegante Blondschopf für Lettland auf den 21. Platz - und das ohne lettischen Pass. "Wegen des Chaos in den aus der UdSSR entstandenen Staaten gab es damals eine Ausnahmeregelung", erinnerte sich Vlascenko in Lausanne.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben