Sport : Der Star, der keiner sein will

Der bescheiden auftretende österreichische Skirennfahrer Marcel Hirscher gewinnt den Gesamt-Weltcup.

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Berlin - Er ging volles Risiko, wie immer, aber diesmal ging es schief. Marcel Hirscher fädelte ein, im ersten Durchgang schon, der Slalom im Schladming war für ihn am Sonntag schnell zu Ende, und danach lachte Hirscher. „Wow, ist das geil“, tönte der 23-Jährige in alle Mikrofone. Seit Samstagabend ist er Gesamt-Weltcupsieger; im Radio hatte er gehört, dass der Schweizer Beat Feuz zum Slalom, dem letzten Weltcup-Rennen der Saison, nicht antreten würde. Nur Feuz hätte ihn noch abfangen können.

Neun Weltcup-Rennen hat Hirscher in dieser Saison gewonnen, der letzte Österreicher, der davor die Trophäe für den Gesamtsieger geholt hatte, war 2006 Benjamin Raich, Hirschers Vorbild. 2007 stieß Hirscher in den Weltcup, mit großen Augen und viel Respekt. „Es war nicht einfach für mich, plötzlich neben Raich am selben Tisch zu sitzen“, sagte er.

Jetzt ist er der Star, aber den gibt er nicht. Hirscher tritt bescheiden auf, höflich; der österreichischen „Sportwoche“ sagte er: „Wennst heute in ein Lokal kommst, sind die Leute gestylt, da glaubst, jeder ist Vorstandvorsitzender.“

Da fährt er doch lieber im Sommer Motocross und genießt die Nestwärme seines familiären Umfelds. Sein Vater Ferdinand fungiert als Trainer, Manager, Servicemann und Skitester. Außerdem arbeitet der Ex-Servicemann von Österreichs Ski-Idol Hermann Maier für ihn.

Die Hirschers fügen sich nicht klassisch ein ins System des Österreichischen Skiverbands (ÖSV), das schafft mannschaftsintern durchaus Neider. Zudem gehört Marcel Hirscher zu den jungen Wilden im Team, er hat den Etablierteren, die den Erwartungen zuletzt selten gerecht geworden sind, den Rang abgelaufen. Über Vater Hirscher kursiert die Geschichte, dass der seinem Sohn per Handy Anweisungen gibt, weil er Angst habe, dass Funkmeldungen abgehört würden. Hirscher kennt Gerüchte über interne Missgunst, er hatte dazu im Januar gesagt: „Ich bin überzeugt, dass niemand im ÖSV irgendetwas anderes als mein Bestes im Sinn hat.“ Und jetzt übertönt die Freude sowieso alles andere.

Auch die Konkurrenten sind beeindruckt von Hirscher. Riesenslalom-Weltmeister Ted Ligety schrieb nach einem Rennen im Internet bei Twitter: „Hirscher ist gnadenlos.“ Der US-Amerikaner bezog das auf Hirschers risikoreichen Fahrstil. Aber weil Hirscher 1,73 Meter groß und 73 Kilogramm schwer ist, sieht das bei ihm auch immer sehr elegant aus.

Und ein Verbandswechsel dürfte sich nun auch endgültig erledigt haben. Marcel Hirscher, im Salzburger Land als Sohn einer holländischen Mutter geboren, hat zwei Staatsbürgerschaften, die österreichische und die holländische. Wenn er keine Chance gehabt hätte, ins ÖSV-Nationalteam zu kommen, wäre er nach Holland gewechselt. Das hatte er sich in jungen Jahren als „Notfalloption“ zurecht gelegt. Der Notfall ist nicht eingetreten.

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