Sport : Der Star ist Argentinien

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Von Martin Hägele

Ibaraki. Eigentlich wollte Gabriel Batistuta gar nicht reden. Nicht über sich und auch nicht über sein Tor zum 1:0-Sieg über Nigeria, den perfekten Start der argentinischen WM-Tournee. Ganz egal, wie laut und wild und schmeichelnd die Reporter aus Buenos Aires und Cordoba ihrem Nationalidol ihre Mikrofone hinstreckten. Batistuta wiegelte jedes lobende Wort zu seiner Person ab. „Unsere Abwehr war beeindruckend“, sagte Batistuta, den Verteidigern gebühre alles Lob. Denn die hätten bis auf zwei Schüsse von Augustine Okocha den Nigerianern keinerlei gefährliche Aktionen gestattet. Dann wies er seine Landsleute noch auf den Einfluss des Trainers Bielsa hin. Der habe nämlich in der Halbzeitpause alle beruhigt, weil sie da schon Nervosität, ja Stress fühlten. „Regt euch nicht auf, macht ganz entspannt weiter, irgendwann wird das Tor schon fallen."

Es ist dann nach einer guten Viertelstunde auch gefallen, und zwar ganz genau nach Plan. Nach der achten oder neunten Ecke, und wie immer hat Juan Sebastian Veron den Ball im Bogen und mit Effet und dennoch sehr hart zum hinteren Torpfosten geschlagen, so präzise, wie man das oft bei Golfern sieht. Es war Batistutas zehntes Tor im zehnten WM-Spiel. Zuvor hatten jedes Mal Winzigkeiten beim Abschluss gefehlt, für den entweder Batistuta oder der aufgerückte Pochettino zuständig war.

Dass den groß gewachsenen Verteidigern Nigerias nichts einfiel, um sich gegen die immer gleiche Eckball-Variante zu wehren, beweist, wie gut das gesamte argentinische Team diese in der Fußballsprache Standard genannten Situationen einstudiert hat. Aber reicht dieser Fleiß auch aus, um in vier Wochen die beste Fußballmannschaft auf dem Planeten zu sein? Dem Naturell oder Charakter jener zwei Weltmeisterteams, die 1978 und 1986 dominiert hatten, entspricht dieser Stil gewiss nicht. Ästheten werden sich schwer in diese Generation verlieben. Ja, man kann sogar verstehen, dass in Bielsas Kader für einen wie den Virtuosen Juan Roman Riquelme, Südamerikas Fußballer des Jahres 2001, genauso wenig Verwendung war wie für Javier Saviola. Der hat als Kapitän, Spielmacher und Torjäger Argentiniens Junioren auf überragende Weise zum WM-Titel geführt; viele sehen in dem 20-jährigen Riesentalent den rechtmäßigen Erben Maradonas.

Bielsa aber kann keine Primadonnen gebrauchen. Sein Konzept ist aufs Kollektiv ausgelegt. Und aus seinem Spanisch lässt sich leicht der berühmteste Satz von Berti Vogts herauslesen, den der ehemalige Bundestrainer im Zusammenhang mit dem letzten DFB-Triumph 1996 in England geprägt hat: „Der Star ist die Mannschaft." Dieses Motto verträgt sogar einen Anführer, an dem sich alle ausrichten, weil der Regisseur Veron einem Team Visionen geben kann. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Spielmachern lebt Juan Veron vor, dass Fußball nicht nur ein Kopf-, sondern auch ein Kampfspiel ist.

Und der Kapitän steht als Symbol. Ein Tattoo am rechten Oberarm, barhäuptig und bärtig, verkörpert er geradezu seinen Beruf. So furchtlos muss der Chef einer modernen Fremden-Legion aussehen, der sich mit seinem Auftrag voll identifiziert: „Wir wollten der Welt zeigen, dass wir eine Mannschaft sind und wie wir Argentinien hier vertreten." Mittlerweile leben die Besten davon längst als Multimillionäre in Villen oder Luxus-Apartments in Rom, Mailand, Manchester oder Valencia. Trotzdem wissen sie ganz genau, was sie ihrer Heimat und den Fans am Rio de la Plata schuldig sind, sobald sie das Nationaltrikot überstreifen. Sie müssen gewinnen, sie dürfen nicht verlieren.

Und deshalb hat diese Gruppe, deren Mitglieder überall bei ihren europäischen Arbeitgebern Spitzenpositionen besetzen, eine Spielweise gewählt, die sich an ihrem schwächsten Mann orientiert. Das ist ohne Zweifel der Torwart. Der Trainer könnte auch würfeln, welchem seiner drei Kandidaten er mehr vertraut: Pablo Cavallero, der bei den wenigen heiklen Aktionen der Nigerianer furchtbar aufgeregt und planlos durch seinen Strafraum fegte? Oder dessen Kollegen German Burgos und Roberto Bonano, die auch nicht souveräner sind? Doch solange die argentinischen Profis ihre Achillesferse so gut schützen, so lange wird es um die argentinische Sache in Asien gut bestellt sein.

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