Sport : Der Star ist nicht mehr super

Tiger Woods spielt lust- und erfolglos. Am Montag könnte der Ausnahmegolfer von der Spitze der Weltrangliste verdrängt werden – nach 269 Wochen

Petra Himmel[Akron]

Pures Unverständnis beherrschte den Blick des Tiger Woods, als er am Freitag seinen Ball nach dem Abschlag auf dem South Course von Firestone weit rechts jenseits des Fairways verschwinden sah. Nein, er weiß nicht wirklich, was mit seinem Schwung vor sich geht. Nein, er ist sich am Abschlag nicht sicher, ob er die Bahn treffen wird. Nein, er hat dieses Spiel nicht mehr im Griff. Der Tiger Woods, der an diesem Wochenende beim Bridgestone Invitational in Ohio, einem Turnier der World Championships, antritt, hat wenig gemeinsam mit dem Superstar, der die Welt zuvor mit brillantem Golf verzauberte.

Die 74er Runde, mit der er am Donnerstag das Turnier begann, markierte das höchste Ergebnis seiner insgesamt 45 letzten Runden auf dem South Course. Woods hat in der Vergangenheit acht der elf World Championships hier gewonnen, an diesem Wochenende begann er die dritte Runde auf dem geteilten 72. Rang – von insgesamt 80 Profis. Und das eigentlich Erschreckende an dem Szenario ist, dass sich auch niemand gewundert hätte, wenn Woods den letzten Rang belegt hätte.

Die Krise ist Standard geworden. Der 34-Jährige hat fünf Runden in Folge nicht mehr Par gebrochen, er rangierte nach der zweiten Runde bei der Statistik der getroffenen Fairways auf dem vorletzten Platz und donnerte nicht nur am letzten Loch den Abschlag in die Bäume. Am Ende der Vorstellung unterzeichnete Woods seine Scorekarte und verschwand kommentarlos. „Was soll man machen, losheulen?“, sagte sein Spielpartner Lee Westwood, der aufgrund einer Verletzung nach Runde zwei das Turnier abbrechen musste, zur wenig überzeugenden Vorstellung von sich selbst und von Woods. „Wir sind alle menschlich, wir haben alle schlechte Tage.“ Die Sache ist nur: Tiger Woods wirkte nie menschlich, seit dem Tag, an dem er als Zweijähriger in der „Mike Douglas Show“ als golfspielendes Wunderkind auftrat. Er war der begnadete Spieler, der dreimal hintereinander die US-Meisterschaften der Amateure gewann, der Wunderknabe, der wie im Vorbeigehen 1997 mit zwölf Schlägen Vorsprung beim US Masters in Augusta seinen ersten Major-Titel errang. Golf schien unsagbar leicht, als er 2001 mit vier Major-Titeln in Folge den Tiger-Slam vollendete. Golf wurde zu einem Sport für Kämpfer, als er sich bei den US Open 2008 mit einem operationsreifen Bein zum Sieg schleppte. Wer sonst, wenn nicht Woods hätte in all den Jahren die Weltrangliste anführen sollen? 611 Wochen im Verlauf seiner Karriere belegte er die Position eins, davon die 269 letzten Wochen in Folge.

Am Montag wird das Bild wohl ein anderes sein. Beendet Woods die Bridgestone Invitational auf einer Position schlechter als Platz 37 und wird Phil Mickelson mindestens Vierter, tauschen die beiden die Plätze. „Natürlich fände ich das großartig, endlich als Nummer eins dazustehen“, sagt der ewige Zweite Mickelson dazu. „Ich versuche, nicht daran zu denken.“ Doch während der 40-Jährige sich auf sein Spiel konzentrieren will, beginnt die Profiszene sich daran zu gewöhnen, dass Tiger Woods nach acht Turnieren in dieser Saison nur noch Durchschnitt ist – eher schlechter Durchschnitt, genau genommen. Denn für die Play-offs des FedEx Cups nach der US-PGA-Championship ist er ebenso wenig qualifiziert wie für den Ryder Cup im Oktober. Und angesichts seiner offensichtlichen Unlust auf dem Golfplatz stellt die US-Presse inzwischen sogar ganz unverblümt die Frage, ob Tiger Woods eine Wild Card von Kapitän Corey Pavin wirklich wert sei. Einen Kommentar des Betroffenen hat man dazu nicht erhalten. „Ich will mich ins Team spielen und qualifizieren“, erklärte Woods zu Wochenbeginn.

Ob er sich mit der Position eines Wild-Card-Empfängers abfinden könne, ließ er offen. Die Situation des Almosenempfängers ist ihm gänzlich neu. Sie scheint ihm nicht zu behagen.

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