Sport : Der Stolz der Eltern

Warum so viele Deutsch-Türken lieber für die Nationalmannschaft der alten Heimat Fußball spielen

Sven Goldmann

Berlin - Berkant Göktan war 17, als die Fußball-Welt auf ihn aufmerksam wurde. Das war am 30. September 1998 beim Champions-League-Spiel zwischen Bayern München und Manchester United. 1:2 lagen die Bayern zurück, da wechselte Trainer Ottmar Hitzfeld den jungen Türken für Hasan Salihamidzic ein. Göktan hatte noch kein einziges Bundesligaspiel bestritten und traf gleich nach seiner Einwechslung den Pfosten. Die Bayern schafften noch ein 2:2, und die Münchner Zeitungen schwärmten vom größten Sturmtalent seit Gerd Müller. Zehn Tage später machte Göktan sein erstes Länderspiel. Das war in der EM-Qualifikation der U 21zwischen der Türkei und Deutschland, und diesmal schoss er sogar ein Tor. Gegen Deutschland. Für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) war Göktan damit gemäß den damals gültigen Regeln verloren. Heute spielt er für Besiktas Istanbul.

Sieben Jahre später scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Diesmal geht es um Nuri Sahin, der vor einer Woche sein erstes Bundesligaspiel für Borussia Dortmund absolvierte, mit gerade 16 Jahren. Sahin ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, aber zuletzt hat er als Kapitän die türkische Jugend-Nationalmannschaft angeführt. Eilig hat DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder herausposaunt, Sahin könne sich noch bis zum 21. Lebensjahr für Deutschland entscheiden, wenn er bis dahin kein A-Länderspiel bestritten habe, das sähen die neuen Regeln der Uefa vor. „Das ist schon richtig“, sagt Erdal Keser. „Aber hier in der Türkei geht jeder davon aus, dass Nuri für die Türkei spielen wird. Der Junge ist stolz auf seine Wurzeln.“

Keser weiß, wovon er spricht. Auch er wuchs im Ruhrgebiet auf und machte in den achtziger Jahren Karriere in der Bundesliga. Borussia Dortmund war sein Sprungbrett in die türkische Nationalmannschaft, und schon damals, in den achtziger Jahren, hat Keser es nie verstanden, warum es ihm so wenige nachgemacht haben. Aus dieser Verwunderung entstand 1998 ein in Europa einmaliges Projekt, das Europa-Büro des türkischen Fußball-Verbandes. Unter Kesers Aufsicht suchten Trainer und Talentspäher in ganz Europa nach Fußballspielern mit türkischen Vorfahren, „bis hoch nach Schweden hatten wir unsere Leute“. Talentierte Spieler wurden mit Tickets für große Spiele versorgt und in die Heimat ihrer Eltern eingeladen. „Das war eine Rundumbetreuung“, sagt Keser, „und natürlich haben wir auch an den Stolz der Eltern appelliert. Denen war das schon wichtig, für wen ihre Söhne spielten.“

Auf diese Weise überredete Keser auch die in Gelsenkirchen geborenen Brüder Halil und Hamit Altintop für die türkische Sache. Damals spielten sie in Wattenscheid, heute sind sie gefragte Bundesligakräfte in Kaiserslautern und Schalke. Ümit Davala wurde in Mannheim entdeckt, Ali Günes in Freiburg, Ilhan Mansiz in Kempten. Alle schafften sie den Sprung in die türkische Nationalmannschaft, wie vorher schon Yildiray Bastürk, der heute für Hertha BSC spielt und in Wanne-Eickel geboren wurde. Er wolle ja den DFB nicht schlecht machen, sagt Keser, aber es sei schon ein Unterschied, ob man die Rekrutierung von Nationalspielern als reinen Job sehe oder als Herzensangelegenheit.

Die Deutschen taten sich immer schwer mit den kickenden Gastarbeiter-Söhnen. Ilyas Tüfekci, groß geworden in der Jugend von Hertha BSC, sprach so schlecht Deutsch, dass er in den achtziger Jahren in Schalke und Stuttgart ein Außenseiter blieb. Später holte Bayer Leverkusen den Zehlendorfer Osman Akyol. Akyol galt damals als eines der größten Talente in Deutschland. Er lief kein einziges Mal in der Bundesliga auf.

Als Frankreich 1998 mit einer multikulturellen Mannschaft Weltmeister wurde, wollte der DFB mit einem Schlag alles zuvor Versäumte nachholen. Es blieb beim Aktionismus. Verteidiger Mustafa Dogan durfte unter Erich Ribbeck zwei Länderspiele machen . Das war es dann auch für ihn. In der Schweizer Nationalmannschaft wurden die türkischstämmigen Kubilay Türkyilmaz und Murat Yakin Stammspieler. In Deutschland war spätestens nach der Jugend Schluss. Keser erzählt von Erdal Kilicaslan, „ein Riesentalent von Bayern München, ich wollte ihn für die Türkei gewinnen, aber er hat gesagt: Erdal, meine Heimat ist Deutschland. Mit 17 war er Kapitän der Jugend-Nationalmannschaft. Jetzt ist er 20, und keiner interessiert sich für ihn.“

Ist der Fall Kilicaslan Abschreckung für türkische Jungs? Keser lacht, es ist kein fröhliches Lachen. Vor drei Jahren hat er sich mit dem türkischen Verband verkracht, „jetzt macht ein anderer meinen Job, ich kenne nicht mal seinen Namen“. Keser ist jetzt unter Erik Gerets Kotrainer bei Galatasaray Istanbul. Noch immer erhalte er E-Mails aus Deutschland, „da beschweren sich die Leute, dass sich im Büro keiner mehr um sie kümmert“. Der DFB, sagt Erdal Keser, „kann von Glück reden, dass ich nicht mehr da bin“.

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