Sport : Der Stress bleibt

Claus Vetter

Es gab zuletzt Momente, da muss sich der Trainer des EHC Eisbären sehr, sehr einsam vorgekommen sein. Das ist durchaus normal für einen erfolglosen Übungsleiter im schnelllebigen Geschäft der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Normal erst recht für einen wie Uli Egen, der nicht immer geradeaus denkt. So war schon der Eishockey-Nationalspieler Egen. Der Allgäuer war in seiner aktiven Zeit ein versierter Techniker, der viel Eiszeit bekam und auch schon mal in zwei Sturmreihen spielte. Aber ein Bolzer war er nie. Wenn es mal nicht so läuft, sind solche Spieler oft die ersten, die vor lauter Grübelei Gefahr laufen, zu verkrampfen.

Ungefähr auf diese Art und Weise ließ sich die Gemütslage des Uli Egen charakterisieren, als sein Arbeitgeber vor zehn Tagen für Fans und Verantwortliche ein Bowling-Turnier ausrichtete. Der Trainer hat zwar wacker mitgekegelt, Freude wollte beim ihm aber nicht aufkommen. Das gab Egen später auch zu. "Mir geht es nicht gut", sagte Egen. "Wer weiß, wie lange ich noch hier bin?"

Dabei waren ihm die Fans an jenem Abend schulterklopfend begegnet. Egen mag aber auch gespürt haben, dass da eine innerliche Distanz war. So wie eben ein Trainer behandelt wird, der kurz vor dem Rausschmiss steht. Eine Niederlagenserie hatte die Eisbären in die unteren Tabellenregionen abrutschen lassen. Bereits zum zweiten Mal in der aktuellen Saison lief bei den Berlinern wochenlang nichts zusammen.

Kultklub hin oder her - irgendwann ist auch die Geduld treuer Fans erschöpft. Vor Wochenfrist planten Fans für das Heimspiel der Eisbären gegen die München Barons Protestaktionen. Diese konnten die Eisbären zwei Tage zuvor durch einen in letzter Sekunde zustande gekommenen Auswärtserfolg in Nürnberg abbiegen. Was danach passierte, hat indes niemand erwartet: Ein Sieg gegen Vizemeister München, ein Erfolg in Essen und dann am Freitag ein kleines Eishockey-Wunder in der Kölnarena. Ausgerechnet dort gewannen die Eisbären mit 3:2, bei den Kölner Haien, gegen die sie seit zehn Spielen nichts erreicht hatten.

Balsam auf die geschundene Trainerseele? "Quatsch", sagt Egen. "Natürlich gibt es Erklärungen für die vier Siege in Folge. Wir haben weniger Verletzte, die Spieler haben begriffen, worum es geht, alle arbeiten endlich wieder." Noch einmal: Wie geht es dem Trainer? "Ich bin überhaupt nicht erleichtert. Es bleibt stressig. Hier zählen nur die Play-offs, und da sind wir noch nicht, und wir haben es schwer dahinzukommen. Denn mit uns hat keiner Geduld. Wenn die Capitals mal fünf Verletzte haben, fangen alle an zu heulen. Wenn bei uns wichtige Spieler fehlen, wird das einfach übersehen."

Dank des Zwischenspurts können die Eisbären heute mit einem Sieg gegen die Schwenninger Wild Wings (15 Uhr, Sportforum) zum Jahresende einen befriedigenden Zwischenstand schaffen. Gewinnen die Eisbären, dann rangieren sie auf Platz acht, der garantiert in der Endabrechung die Play-off-Teilnahme. "Das Spiel gegen Schwenningen haben wir aber noch nicht gewonnen", sagt Egen, "das werde ich meinen Spielern eintrichtern." Handelsübliches Trainerlatein, ohne das auch Egen nicht auskommt. Dabei ist der 45-Jährige ein geschickter Rhetoriker, allerdings hat er sich nicht immer im Griff. Sein Allgäuer Temperament bricht mit ihm durch, gerade dann, wenn vielleicht ein wenig mehr Zurückhaltung gefragt wäre. "Gewisse Zeitungen" gingen ihm gegen den Strich, das hat Egen nach dem Sieg gegen München gesagt. "Es nervt, wenn du negative Schlagzeilen liest, obwohl du gewonnen hast. Was kann ich denn mehr machen, als mit der Mannschaft gewinnen? Klar, wenn es schlecht läuft, dann sollen sie meinen Kopf fordern. Dann haben sie ja Recht." Ganz schnörkellos - so ist dieser Uli Egen eben auch.

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