Sport : Der Strippenzieher - wie Boris Becker im Hintergrund agiert

Ernst Podeswa

Der letzte Ballwechsel nach dem Doppel, das den Deutschen im Vergleich mit den Niederlanden die Tür zum Weiterkommen geöffnet hatte, war kaum beendet, da drängte der Mann mit dem Mikrofon zu Boris Becker. "Prinosil/Goellner haben sich sensationell gesteigert", sprach der Teamchef a.D. in bedeutungsvollem Tonfall. So, als wenn er DTB-Präsident, Teamkapitän oder Kokommenator des übertragenden Senders wäre. Oder eben Chef des Ganzen.

Ein Detail am Rande der Davis-Cup-Partie, das vor allem eins verdeutlicht: Der als Teamchef im Dezember vom neuen DTB-Präsidenten Georg von Waldenfels zum Rücktritt überredete Becker hat den Kampf um sein Kerngeschäft Tennis als Vermarkter und Macher keinesfalls aufgegeben. "Der Rücktritt war doch rein politisch", meinte denn auch Doppelspezialist Marc-Kevin Goellner trocken.

Wenn das so wäre, und manches in Leipzig stützt diese Ansicht, dann hätte der 32-Jährige auf dem Gebiet von Business und Einflussmöglichkeiten Lernfähigkeit nachgewiesen. Er würde angeknüpfen an das, was ihn bei seinen sportlichen Großtaten auf dem Tenniscourt auszeichnete: Fast immer, wenn die Gegner ihn am Boden wähnten, wenn alles verloren schien, dann hat der dreimalige Wimbledon-Champion erfolgreich zurückgeschlagen. Nach dem sportpolitischen Desaster der erwähnten Demission am Ende des Scharmützels mit Nicolas Kiefer und dem früheren Sportwart Dirk Hordorff schien "Bumm-Bumm" ins Abseits gedrängt. Offizielle ist er nun Berater für internationale Fragen innerhalb des Deutschen Tennis-Bundes.

Er komme nur als interessierter Zuschauer nach Leipzig, so Becker bei seiner Ankunft, und wolle zur Mannschaft nichts sagen. Und er wies Interviewwünsche mit dem Hinweis auf den Kapitän Carl-Uwe Steeb zurück. Doch mit dem gleichen Instinkt, mit dem er in denkwürdigen Spielen die Vorhaben der Gegenspieler erahnte, spürte er in der Messestadt bald, dass im Medienspiel Punkte zu machen waren. Also gewährte er einer Handvoll vertrauter Medienvertretern eine Unterhaltung. Und breitete seine Botschaften aus: Francesco Ricci-Bitti (Italien), ein Freund und Präsident des Welt-Tennisverbandes ITF, habe ihn gebeten, sich als "Sprachrohr des deutschen Tennissports" in der ITF einzubringen. Demonstrativ bezog Becker im der Mannschaft vorbehaltenen Hotel Lindner Quartier. Demonstrativ nahm er sich des ob seiner Erfolglosigkeit bei Grand-Slam-Turnieren verunsicherten Thomas Haas im Training an. Verordnete eine zusätzliche Übungseinheit und eine dünnere Saitenbespannung zwecks "besserer Ballkontrolle". Und verkündete der überraschten Journalistenschar, eigentlich betreue er Haas ja schon länger. Und schließlich schickte Becker noch einen Pfeil in Richtung des fernab beim Turnier in Dubai weilenden Kiefer ab. "Tennisspieler, die bei Olympia starten wollen, müssen auch Vorbilder sein." Und das sei der Mindener Kiefer mit seinem Boykott des Davis Cups nicht. Eine Drohung, die dessen Olympiapläne durchkreuzen könnten. Falls nämlich der DTB und das NOK Kiefer für Sydney nicht nominieren sollten, könnte nur die ITF mittels einer Wild Card den Aufmüpfigen ins olympische Tableau hieven. Doch Becker will ja "gut Freund" mit dem ITF-Chef sein.

Kiefers Idee war wohl doch nicht so gut, sich fernzuhalten, auf eine frühe Pleite und die folgende Ablösung des mit Becker eng verbundenen Steeb zu hoffen. Vergeblich, wie man jetzt weiß. Und Becker steht plötzlich besser als vorher da: Wirkte er mitunter in der Vergangenheit an vorderster Front wie ein Elefant im Porzellanladen, so kann er nun im Hintergrund die Strippen ziehen. Becker war schon immer am gefährlichsten, wenn er besiegt schien.

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