Sport : Der Sturm auf das Denkmal

Kenenisa Bekele läuft Haile Gebrselassie den Rang ab

Jörg Wenig

Brüssel. Wenn Leichtathleten lange Strecken laufen, gewinnen am Ende fast immer Afrikaner, egal ob auf der Bahn, bei Straßenrennen oder im Crosslauf. So viele schnelle Afrikaner es auch gibt, einer von ihnen hat sich bei europäischen Leichtathletik-Zuschauern besonders eingeprägt: Haile Gebrselassie. Der kleine Äthiopier hat 17 Weltrekorde aufgestellt, ist Olympiasieger geworden und Weltmeister. Doch im vergangenen Jahr verlor der 30-Jährige gleich dreimal gegen einen Landsmann: Kenenisa Bekele. Der 21-Jährige besiegte sein großes Vorbild zunächst bei einem 10 000-Meter-Rennen in Hengelo, dann über 5000 Meter in Rom und schließlich im WM-Finale von Paris über 10 000 Meter. „Du kannst nicht die ganze Welt für immer kontrollieren“, sagte Haile Gebrselassie, der seinen jüngeren Landsmann selbst schon als seinen Nachfolger bezeichnet hat.

Erst 21 Jahre alt, hat auch Kenenisa Bekele bereits Leichtathletik-Geschichte geschrieben. 2002 gewann er bei den Cross-Weltmeisterschaften binnen zwei Tagen sowohl den Titel über die Mittel- als auch über die Langstrecke. Kein anderer Läufer hatte dies zuvor geschafft. Im vergangenen Jahr wiederholte Bekele diesen Doppelsieg. Und an diesem Wochenende tritt er in Brüssel zur Titelverteidigung an. Sein Manager Jos Hermens, der auch Haile Gebrselassie betreut, hatte ihm zwar von einem Doppelstart abgeraten. Aber Bekele entschied sich dennoch für beide Strecken. Die Mittelstrecke über vier Kilometer beherrschte er am Samstag deutlich und gewann mit großem Vorsprung. Auch auf der Langstrecke über zwölf Kilometer am heutigen Sonntag ist er klarer Favorit.

Eigentlich wollte der Niederländer Hermens wegen des olympischen Jahres Bekele auch davon abbringen, in der Halle zu starten. Aber auch das ist ihm nicht gelungen. „Das Problem ist, dass Kenenisa absolut auf Haile fokussiert ist. Er will sein Vorbild schlagen“, sagt Hermens. Zwar kam es in der Hallensaison nicht zum direkten Aufeinandertreffen der beiden Äthiopier, doch beim Meeting in Birmingham Ende Februar schaute Gebrselassie zu, wie Bekele seinen 5000-Meter-Weltrekord brach und auf 12:49,60 Minuten verbesserte. Anschließend versuchte sich Gebrselassie vergeblich an seinem eigenen Weltrekord über zwei Meilen. Im Gegensatz zu Bekele, der nur die Erfolge seines Vorbilds im Kopf hat, denkt Gebrselassie anders. „Er findet es toll, wie sich Kenenisa entwickelt. Aber er sieht mehr seine gesamte Karriere und seine Zukunft. Haile wird nach den Olympischen Spielen auf die Halbmarathon- und Marathondistanz wechseln“, sagt Manager Hermens. „Aber vorher möchte er noch zum dritten Mal in Folge Olympiasieger über 10 000 Meter werden.“ Das wird schwer, denn da steht Bekele im Weg. „Haile weiß, dass es nicht einfach wird, aber er ist noch längst nicht abgeschrieben“, sagt Hermens.

Bei der Cross-WM geht Haile Gebrselassie nicht an den Start. Und auch sonst versucht Jos Hermens, ein Duell zu vermeiden. Vor Olympia wird dies kaum mehr der Fall sein, obwohl es für beide ein großes Geschäft wäre. Startgagen in sechsstelliger Höhe hält Hermens für möglich. „Aber was soll das bringen?“, fragt der Manager. „Am Ende gäbe es immer einen Verlierer, und es würde entweder heißen, Kenenisa ist ja doch nicht so gut, oder Hailes Zeit ist vorbei.“ Deswegen ist Hermens froh, wenn Gebrselassie nach Olympia die Strecken wechselt und sich die Wege der beiden nicht mehr so schnell kreuzen werden. Auch für den Manager wird es dann leichter. „Schließlich will ich für beide das Optimum herausholen und dafür sorgen, dass sie lange und erfolgreiche Karrieren haben.“

Eines jedoch werde Kenenisa Bekele nicht schaffen, glaubt Jos Hermens: eine ähnliche Popularität wie sein Vorbild zu erreichen. Für die Äthiopier wird Haile Gebrselassie wie ein Denkmal stehen bleiben. „Kenenisa hat zwar auf seine Art eine sehr gute Ausstrahlung und spricht inzwischen schon besser Englisch. Aber die Äthiopier sehen immer zuerst Haile, denn er war der Erste, der so erfolgreich war.“

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