Sport : Der Südamerika-Gipfel

Zum 92. Mal steigt heute der Klassiker Argentinien gegen Brasilien – der Sieger ist für die WM qualifiziert

Frank Kohl[Sao Paulo]

Brasiliens Fußball-Nationaltrainer hat meist sehr eigene Ansichten. Zum Beispiel die: „Das Spiel gegen Argentinien wird ein Luxus-Freundschaftsspiel. Beide Mannschaften sind so gut wie sicher für die Weltmeisterschaft qualifiziert. Die Partie entscheidet nur über den Tabellenführer unserer Gruppe.“

Mit dieser Meinung steht Carlos Alberto Parreira allerdings allein da. Niemand in Argentinien und Brasilien bestreitet die Bedeutung des heutigen Spitzenspiels der Südamerikagruppe. Denn Spiele zwischen beiden Ländern sind für die Fans so ziemlich das Allerwichtigste im Leben. Es geht um die Ehre und vor allem um die Pflicht, den verhassten Rivalen zu besiegen. Parreira kokettiert nur mit seiner gespielten Zurückhaltung. Reaktionen auf seinen provozierenden Satz blieben dennoch nicht aus. Der junge Kaká beispielsweise, Partner von Ronaldinho im offensiven Mittelfeld des fünffachen Weltmeisters, hat seinem Chef schnell widersprochen: „Niemand geht das Spiel locker an. Es ist eine entscheidende Partie, und das Klima ist wirklich kriegerisch.“ Auf argentinischer Seite urteilte Mittelfeldspieler Juan Pablo Sorin: „Der Begriff Freundschaftsspiel trifft nie auf diese Begegnungen zu.“

Auch wenn sich fast alle Akteure gut aus den Spitzenklubs in den europäischen Ligen kennen und sogar teilweise gemeinsam spielen, am Mittwoch wird alle Kollegialität der Rivalität weichen. Tatsächlich führen beide Fußballsupermächte die WM-Qualifikation auf ihrem Kontinent mit einem sichern Vorsprung an. Und doch haben beide Teams gerade sehr unterschiedliche Generalproben hinter sich gebracht. Brasilien gewann souverän 4:1 gegen Paraguay, während Argentinien beim 0:2 gegen Ekuador die erste Niederlage unter Trainer José Pekerman hinnehmen musste. Brasilien und Argentinien trennt lediglich ein magerer Punkt. Wer am Mittwoch drei Punkte gewinnt, übernimmt die Tabellenspitze, hat sein Ticket für die WM gelöst und kann entspannt dem Konföderationen-Pokal in Deutschland entgegensehen.

Und wer ist nun Favorit? Das Duell ist extrem ausgeglichen. In den seit 1914 ausgetragenen 91 Partien war Brasilien 33-mal siegreich, einmal mehr als der Nachbar. 26-mal endete das Derby ohne Gewinner. Für die gastgebenden Argentinier spricht, dass sie gegen den Rivalen eine deutlich positive Heimbilanz vorzuweisen haben: 13 Siege, 7 Niederlagen und 12 Unentschieden. Allerdings ist die Pekerman-Elf mitten im Verjüngungsprozess begriffen, den der ehemalige Nachwuchstrainer bei seinem Amtsantritt als Chefcoach im September 2004 begonnen hat. Das Spiel läuft noch nicht rund.

Bei Brasilien hingegen hat Coach Parreira seit 2003 konsequent den Aufbau des Kaders für den anvisierten sechsten WM-Titel betrieben und sich für alle Positionen um hochklassige Alternativen bemüht. Und meist auch gefunden. Das macht sich besonders in der aktuellen Situation bezahlt, wenn er auf den ausgelaugten Stürmer Ronaldo verzichten muss und stattdessen auf den jungen Robinho setzen kann. Die argentinische Presse hatte die Beurlaubung des bisher erfolgreichsten Torschützen der Qualifikation (9 Tore) in Anspielung auf die Gewichtsprobleme Ronaldos als „dickes Geschenk“ gefeiert. Schließlich hatte Ronaldo vor einem Jahr beim 3:1-Hinspielerfolg Brasiliens gegen Argentinien alle drei Tore per Elfmeter erzielt.

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