Sport : Der Tag, an dem Floyd Landis zurückkehrte

Auf der Etappe nach seinem Einbruch siegt der Amerikaner triumphal und ist wieder Favorit auf den Tour-Sieg

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Es ist einer von Floyd Landis‘ Glaubenssätzen, dass ein Radsportler niemals am Ende ist. „Es fühlt sich vielleicht so an, als ob du stirbst“, sagt er über seine Trainings- und Rennphilosophie. „Aber du stirbst nicht tatsächlich. Und weil du nicht wirklich stirbst, kannst du immer noch einen draufsetzen. Immer.“

Am Mittwochabend sah es so aus, als sei Landis am Ende. Er hatte zehn Minuten am Schlussanstieg des Tages verloren, seine Sieghoffnungen schienen ein für allemal entäuscht zu sein. Da verwunderte es schon sehr, dass Landis eine gleichmütige Gelassenheit ausstrahlte. Jetzt weiß man warum – für Landis war noch lange nichts gelaufen. Nach einer heroischen Flucht gewann Landis am Donnerstag die letzte Bergetappe der Tour de France mit mehr als fünfeinhalb Minuten Vorsprung. Danach liegt der Amerikaner mit nur 30 Sekunden Rückstand hinter dem Spanier Pereiro auf dem dritten Gesamtrang und hat sich alle Chancen auf den Tour-Sieg zurückerobert. Vielleicht war es das schnellste Comeback des Radsports seit langem.

Andreas Klöden war am Ende der Verlierer des Tages. Er konnte am Schlussanstieg dem Angriff des Spaniers Carlos Sastre nicht standhalten und fiel vom dritten auf den vierten Gesamtrang zurück. Sein Abstand auf das Gelbe Trikot blieb zwar mit zweieinhalb Minuten konstant. Zwischen dem Führungstrio Pereiro, Sastre, Landis, das innerhalb eines Zeitabstandes von bloß 30 Sekunden liegt und Klöden, klafft nun jedoch eine deutliche Lücke. „Der Joux Plane“, so Klöden im Ziel über den 1700 Meter hohen Berg, „war heute verdammt schwer. Ich habe einfach nur noch versucht, wenigstens bei Oscar Pereiro zu bleiben.“ Sastre hinterherzusetzen, war für den T-Mobile Kapitän an diesem Tag nicht mehr drin.

Es war bereits der zweite Tag in dieser Tour, dass Andreas Klöden zu kämpfen hatte. Schon auf der großen Pyrenäenetappe wurde Klöden von Krämpfen geplagt und verlor wertvolle Zeit. Allerdings befindet sich der Cottbuser mit seinen Tiefs in guter Gesellschaft. Keiner der fünf Männer, die noch eine theoretische Aussicht auf den Tour-Sieg haben, blieb in diesem Jahr ungeschoren. Das zeigt, wie ungewöhnlich die sieben Jahre waren, in denen Lance Armstrong an weniger als einer Handvoll Tage in Bedrängnis kam.

Jetzt tritt jedoch wieder Rundfahrt-Radsport zu Tage, wie er sein soll: mit Höhen und Tiefen, die die Fahrer zu Menschen mit Schwächen machen. Schwächen, an denen sie zu Helden wachsen. Und das macht allemal weit mehr Vergnügen als jenes maschinenhafte Kontrollieren des Rennens, das Armstrong praktiziert hatte.

Floyd Landis hatte sich eigentlich vorgenommen, die Tour als kühler Rechner zu gewinnen. Dass er Oscar Pereiro um eine halbe Stunde wegfahren ließ, war ebenfalls Teil seines Kalküls, wie seine defensive Fahrweise gegenüber Klöden in L’Alpe d’Huez. Seine Schwäche am Montag zwang den Amerikaner jedoch aus der Reserve und produzierte sein mitreissendes Comeback.

Er sei nach seinem Einbruch sehr enttäuscht gewesen, sagte Landis nach seinem Sieg. Dann habe er ein Bier getrunken und sich dabei überlegt, dass er wegen einem einzigen schlechten Tag noch lange nicht die Tour aufgeben werde. „Ich wollte heute vor allem weiter kämpfen und meiner Mannschaft zeigen, dass ich es verdiene, ihr Kapitän zu sein.“ Das ist ihm zweifelsohne gelungen.

Wie es weitergeht in den kommenden Tagen, wagt indes selbst Landis nicht vorher zu sagen. Er weiß lediglich, was er sich wünscht. „Ich hoffe, dass ich noch genügend Kraft habe.“ Damit spricht er wohl Andreas Klöden aus dem Herzen. Und Carols Sastre. Und Oscar Pereiro. Und Cadel Evans.

Bei der Zieldurchfahrt nach der Abfahrt Richtung Morzine zeigte Floyd Landis jedenfalls keine Erschöpfung. Er jubelte auch nicht. Er zeigte nur kurz die Faust und stieg sofort vom Rad, als habe er noch etwas Wichtiges zu erledigen. Er sagte auch, was es ist: „Ich bin hierher gekommen, um die Tour zu gewinnen.“ Seite 3

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