Sport : Der Taktiker verliert die Nerven

Martin Kaymer rutscht bei den British Open noch auf Platz sieben ab, Außenseiter Oosthuizen gewinnt

Petra Himmel[St. Andrews]

Martin Kaymer ist ein vorsichtiger Mensch. Keiner, der großen Illusionen nachhängt. „Ich erwarte nicht von mir selbst, dass ich morgen eine 63 schieße,“ hatte er vor der Finalrunde der British Open gesagt. Kaymer wusste, dass er als Dritter mit sieben Schlägen Rückstand nur ein Außenseiter im Rennen um den Titel war, an eine kleine Siegchance glaubte er trotzdem. Immerhin traute niemand dem Führenden Louis Oosthuizen – der Nummer 54 der Weltrangliste – die nötige Nervenstärke zu, um sich seinen ersten Major-Titel zu sichern. Am Ende aber waren es die Konkurrenten, die die Nerven verloren. Auch Kaymer patzte an den letzten Löchern und musste sich nach einer 74er Runde mit dem siebten Platz zufrieden geben. „Das zu verarbeiten, wird ein paar Tage dauern“, sagte Kaymer. „Ich hätte hier Zweiter werden müssen.“

Dabei hatte Kaymer am Sonntag so begonnen, wie er schon in den vergangenen drei Tagen im schottischen St. Andrews aufgetreten war: ganz bedächtig. Bälle schlagen, putten – alles ganz in Ruhe. Martin Kaymer ist kein schneller, vor allem kein hektischer Mensch. Unruhe ist ihm zuwider. In den vergangenen Jahren ist er zum Taktiker geworden. Seinen Weg unter die Top 15 der Weltrangliste verdankt der 25-Jährige vor allem seiner Beobachtungsgabe. Kaymer macht Fehler in der Regel nur einmal, er saugt neue Eindrücke auf wie ein Schwamm, denkt darüber nach, setzt sie um. Seine zwei bisherigen British-Open-Teilnahmen waren unbefriedigend verlaufen. Auf den schnellen und oftmals ungewöhnlichen Grüns und bei extrem schlechtem Wetter wirkte Kaymer stets ein wenig hilflos und verloren, nicht kreativ genug, um den richtigen Schlag für die jeweilige Situation zu finden.

An diesem Sonntag aber zeigte sich der gefürchtete Old Course von seiner freundlichen Seite. Der Himmel war blau, der Wind blies mäßig. Und doch kamen die Favoriten nicht an Oosthuizen heran – auch Tiger Woods nicht. Die Magie des Weltranglistenersten, der früher wie auf Bestellung Sensationsrunden abrufen konnte, blitzte an diesem Sonntag nicht auf. Der Amerikaner spielte eine ordentliche Par-Runde. Der geteilte 23. Rang bedeutete sein schlechtestes Abschneiden bei einem Major in dieser Saison. Für den Briten Lee Westwood wurde die Runde sogar zu einem frustrierenden Erlebnis. Chance um Chance erarbeitete sich Westwood, der am Ende wie schon beim US Masters in Augusta auf dem zweiten Platz landete. Es dauerte aber bis zum neunten Loch, ehe sein erster Putt zum Birdie fiel.

Dass das Rennen zu diesem Zeitpunkt so gut wie entschieden war, ließ ein Blick in die Gesichter von Martin Kaymer und dem lange Zweitplatzierten Paul Casey erkennen. Beide schlugen ihren Drive an Bahn zwölf in einem dicken Busch. Während Casey die Bahn mit einem Triple-Bogey (+3) verließ, rettete sich Kaymer noch mit einem Bogey aus der Misere.

An den letzten drei Löchern allerdings war auch Kaymer mit den Nerven am Ende. Nach einem Bogey an Loch 16 schoss er den Ball am 17. Loch über das Grün hinweg auf die Straße und kassierte eine Sechs. Nach einem nahezu perfekten Drive am letzten Loch musste er viermal putten, fiel damit auf sechs unter Par zurück und rutschte auf den siebten Platz ab.

Oosthuizen zog derweil unbeeindruckt seine Bahnen, am letzten Loch nahm er für die Siegerfotos zum ersten Mal in vier Tagen auf dem Kurs die Sonnenbrille ab. Mit sieben Schlägen Vorsprung und 16 unter Par gewann er die British Open vor Westwood. Kaymer blieb nur der Frust. „Ich bin extrem enttäuscht und regelrecht geschockt“, sagte er untröstlich.

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