Sport : Der Tempomacher

Tobias Ungers Bronzemedaille bei der Hallen-WM zeigt: Deutschlands Sprinter laufen nicht mehr hinterher

Jörg Wenig

Budapest. Es dauerte eine Weile, bis Tobias Unger realisiert hatte, was er erreicht hatte im 200-m-Finale bei den Hallen-Weltmeisterschaften der Leichtathleten in Budapest. Dem 24-Jährigen war eine Premiere gelungen: Zum ersten Mal gewann ein deutscher Sprinter bei einer Hallen-WM eine Medaille über 200 Meter. Nicht einmal einen Finallauf hatte zuvor ein deutscher Sprinter bei einer Hallen-WM erreicht. Nun also stürmte Tobias Unger auf Platz drei in 21,02 Sekunden. Ist das der Beginn einer Wende für den deutschen Sprint, der gut zwei Jahrzehnte lang international so gut wie keine Rolle spielte auf den Distanzen zwischen 60 und 200 Meter?

Tobias Unger jedenfalls glaubt daran. „Es wurde in der Vergangenheit oft geschimpft über die Leistungen der deutschen Sprinter, und das auch zu Recht. Aber jetzt haben wir wieder etwas zu bieten, wir sind im Kommen.“ Der Sprinter, der für Salamander Kornwestheim startet und in der Nähe von Stuttgart zu Hause ist, traut dabei auch noch anderen zu, bald international eine Rolle zu spielen. „Da gibt es ja zum Beispiel noch Sebastian Ernst und Ronny Ostwald.“ Beide erreichten bei der Hallen-WM die Halbfinalrennen über 200 beziehungsweise 60 Meter.

Doch bei allem Optimismus ist weiterhin Realismus gefragt. Denn eine Bronzemedaille bei der Hallen-WM ist zwar ein wichtiger und motivierender Erfolg für Unger auf dem Weg in die Weltspitze. Aber es wäre ein Fehler, daraus große Erwartungen im Hinblick auf die Olympischen Spiele im August zu ziehen. Das Gros der 200-m-Weltspitze war in Budapest nicht am Start. Etliche Topathleten hatten aufgrund einer längeren Vorbereitungsphase für Olympia auf die Titelkämpfe verzichtet. Das macht der Blick auf die Jahresweltbestenliste 2003 über 200 Meter deutlich: Von den Top 20 waren lediglich vier Athleten in Budapest dabei.

Doch Tobias Unger verliert auch nicht den Blick auf die Realität. „Zunächst muss ich mich erst einmal qualifizieren für Olympia und verletzungsfrei nach Athen kommen“, sagte er, „dann möchte ich in Topform sein und einfach so weit wie möglich kommen.“ Für den gelernten Bankkaufmann, der Betriebswirtschaftslehre studiert, aber für die Olympiavorbereitung ein Urlaubssemester genommen hat, war der Erfolg von Budapest vor allem psychologisch wichtig. Nachdem er im vergangenen Sommer bereits mit einer Bestzeit von 20,41 Sekunden überrascht hatte, scheiterte er bei der WM in Paris gleich im Vorlauf. Das schnelle Aus hatte verschiedene Gründe: Unger war leicht verletzt, hatte aufgrund seiner bis Juli dauernden Ausbildung nur nach Feierabend Zeit zum Training und war nervlich dem Druck eines WM-Startes nicht gewachsen.

In Budapest erschienen die Voraussetzungen ungleich besser als in Paris. Unger profitierte von seinem neu geordneten Umfeld, zu dem neben seinem rumänischen Trainer Michael Corucle auch ein Arzt, ein Ernährungsberater und ein Physiotherapeut, der ihn auch psychologisch unterstützt, gehören. „Ich habe gelernt, mich nicht mehr selbst schwach zu machen“, sagt Tobias Unger, „ich weiß jetzt, dass die anderen auch nur mit Wasser kochen.“ Man darf in diesem Zusammenhang ohnehin gespannt sein, wie sich die Ergebnisse der Sprint-Weltspitze im Sommer entwickeln werden, nachdem es möglich geworden ist, das Dopingmittel THG nachzuweisen.

Das Freiluft-Training hat für Tobias Unger übrigens schon lange begonnen. Denn mangels einer Hallenbahn in der Nähe trainiert er auch im Winter draußen auf einer 400-m-Bahn. Zwischen neun und elf Trainingseinheiten stehen wöchentlich auf dem Programm. „Die nächste Halle ist 180 Kilometer weit weg. Es wäre ein zu großer Zeitverlust, auf der Autobahn hin und her zu fahren.“

In Budapest gewann Tobias Unger die vorerst letzte Bronzemedaille über die 200-m-Strecke. Der internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) hat beschlossen, diesen Wettbewerb aus dem künftigen Programm der Hallen-WM zu streichen. Hintergrund ist, dass die Läufer auf den Außenbahnen in der Tat einen zu großen Vorteil gegenüber den Startern auf den Innenbahnen haben, bei denen die Kurven wesentlich enger sind. „Es ist schade für die Zuschauer, denn es gab in der Vergangenheit gute 200-m-Läufe in der Halle“, sagte Tobias Unger, der im Finale auf Bahn vier lief. Gold und Silber wurden in Budapest auf den Bahnen sechs und fünf gewonnen. Unger sagte: „Ich habe die letzte Chance genutzt.“

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