• Der Torhüter von Hertha BSC im Interview: Rune Jarstein: "Thomas Müller riecht Tore"

Der Torhüter von Hertha BSC im Interview : Rune Jarstein: "Thomas Müller riecht Tore"

Vor dem Spitzenspiel beim FC Bayern spricht Herthas Torhüter Rune Jarstein über die Gefährlichkeit der Münchner, seine Zeit als Stürmer und Makrelen aus Norwegen.

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Rune Jarstein wird nächsten Donnerstag 32. Seit Januar 2014 steht Norwegens Nationaltorhüter bei Hertha BSC unter Vertrag. Er stammt aus der Provinz Telemark.
Rune Jarstein wird nächsten Donnerstag 32. Seit Januar 2014 steht Norwegens Nationaltorhüter bei Hertha BSC unter Vertrag. Er...Foto: imago/Baering

Herr Jarstein, vor zwei Wochen haben Sie mit Norwegens Nationalmannschaft gegen Deutschland gespielt. Hatten Sie von Ihren Kindern einen Auftrag, welches Trikot Sie mit nach Hause bringen sollen?

Ich habe zwei Töchter. Die jüngere ist zwei, die ist noch zu klein. Und die Große interessiert sich mit sieben eher für Justin Bieber. Meine Frau war vorige Woche mit ihr beim Konzert . Das war super.

Mit wem haben Sie denn das Trikot getauscht?

Mit Manuel Neuer. Macht man so als Torhüter.

Nicht mit Thomas Müller?

Nö. (Lacht)

Müller hat im Länderspiel zwei Tore gegen Sie erzielt. Jetzt kommt es in der Bundesliga schon wieder zu diesem Duell. Was löst das schnelle Wiedersehen in Ihnen aus?

Ich freue mich sehr darauf. Bayern München ist eine der besten Mannschaften der Welt und Thomas Müller einer der besten Stürmer. Er riecht Tore. Er ist immer da, ist wahnsinnig gefährlich. Aber deswegen trainieren wir ja Tag für Tag – damit wir besser werden, um auch gegen solche Mannschaften und Spieler zu bestehen.

Müllers erstes Tor gegen Norwegen war typisch für ihn. Eigentlich war der Ball schon weg, aber dann hat er am schnellsten reagiert und doch noch getroffen.

Müller ist ein Kämpfer, er gibt nie auf. Es ist schwer für einen Verteidiger und einen Torwart, sich auf ihn einzustellen. Er macht viele Dinge anders. Müller ist clever als Spieler – und klug.

Kann Hertha trotzdem mal was holen gegen die Bayern?

Nach drei Siegen müssen wir uns zumindest nicht verstecken, und wir werden gut vorbereitet sein. Mal schauen, vielleicht machen wir ein gutes Spiel und haben dazu noch das nötige Glück.

Bekommen Sie vor einem solchen Spiel Szenen der Stürmer auf Ihr Tablet?

Ja, schon. Manchmal schaue ich mir alles an, manchmal nicht. Die Bayern sehe ich fast jede Woche im Fernsehen, ihre Stärken und Vorzüge sind mir bekannt. Generell interessiert mich, wie der Gegner Freistöße schießt und Ecken, ob die Flanken zum Tor hin geschlagen oder vom Tor weg gezogen werden? Das hilft mir.

Waren Sie immer schon Torhüter?

Nicht nur, ich war auch Stürmer.

Bitte?

Ja, bei meinem ersten Verein Herkules habe ich auch im Sturm gespielt, bis ich 14, 15 war. In der ersten Halbzeit war ich oft Torwart, in der zweiten Stürmer. Ich war gut mit dem Fuß, habe viele Tore geschossen. Das hat Spaß gemacht.

Hilft Ihnen diese Erfahrung heute noch?

Auf jeden Fall. Es ist für jeden Torhüter gut, wenn er ab und zu draußen spielt. Du weißt, wie Stürmer ticken, erkennst Situationen, weil du sie selbst erlebt hast.

Sie scheinen ja ein sportliches Multitalent zu sein. Als Norweger können Sie wahrscheinlich auch Skispringen.

Nein. Als Kind habe ich das mal gemacht, von einer Minischanze, vielleicht zwei, drei Meter hoch. Für mich gab es immer nur Fußball. Auch im Schnee. Ich habe es mal mit Handball probiert. Aber die Handballer werfen zu fest, da kommt der Ball zu schnell.

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Warum sind Sie im Fußballtor gelandet?

Mit 13, 14 hatte ich einen enormen Wachstumsschub. Da bin ich auch viel besser geworden. Es ist ganz okay, dass es so gekommen ist.

Bei Herthas Spiel gegen Bayern kommt es auch wieder zum Duell mit Manuel Neuer, dem vielleicht besten Torhüter der Welt. Was macht er so herausragend? Gibt es etwas, worum Sie ihn beneiden?

Er hat keine Schwäche, das ist außergewöhnlich. Es gibt viele Torhüter, die ihr Spiel etwas offensiver auslegen. Aber Neuer ist darin extrem. Manchmal steht er fast am Mittelkreis. Er hat dabei manchmal auch ein bisschen Glück, aber er ist schon der beste Torwart der Welt. Seine Reaktionen sind überragend.

Ist Neuers Interpretation für Ihren Geschmack schon zu extrem?

Grundsätzlich bin ich nicht so offensiv wie Neuer, aber das hat natürlich auch etwas mit dem Positionsspiel in unserer Abwehr zu tun. Ich mag es, offensiv zu sein, aber das muss im Verbund geregelt sein. Es geht um ein Abwägen von Risiken. Und, man muss auch sehen, wie hoch der Gegner steht. Ich finde, dass ich sehr aufmerksam bin bei gegnerischen Flanken, das ist vielleicht meine Stärke.

Gibt es etwas, das Sie bei anderen Torhütern mit den Augen klauen?

Natürlich sieht man Dinge, die man auch mal probiert und für gut oder weniger gut für sich befindet. Aber Torhüter sind schon sehr individuell. Ich habe meinen Stil, so wie andere ihren Stil haben. Trotzdem bemühe ich mich immer, mein Spiel zu komplettieren.

Machen Sie spezielle Übungen fernab des Trainingsplatzes, Konzentrationsübungen zum Beispiel?

Neulich haben wir Life Kinetik gemacht, eine tolle Sache, Denksport kombiniert mit körperlicher Betätigung. Gerade im Tor geht es um Handlungstempo. Deshalb versuche ich auch immer einen Schritt voraus zu sein, wenn der Gegner am Ball ist, seinen nächsten Zug schon vorauszudenken. Das ist nicht einfach, du musst immer sehr wachsam sein. Gelegentlich rede ich zu mir, gerade wenn der Ball lange nicht bei mir war.

Bei Hertha haben Sie lange warten müssen, bis Sie die Nummer eins geworden sind. Das ist der Nachteil eines Torhüters – im Unterschied zu einem Stürmer, der kurz vor Schluss ins Spiel kommt und dann das entscheidende Tor schießt.

Das stimmt. Du wirst nicht für die letzten zehn Minuten eingewechselt und kannst dich beweisen. Für mich war es sehr schwer, dass ich hier anderthalb Jahre auf der Bank oder auf der Tribüne gesessen habe. In einer solchen Situation musst du erst recht viel arbeiten, gut trainieren und auf deine Chance warten.

Hat Ihnen Ihre norwegische Mentalität dabei geholfen?

Vielleicht. Aber wichtiger war mein Gefühl. Das hat mir gesagt: Meine Chance kommt bald. Ich war vorbereitet.

Woran muss man sich als Norweger in Deutschland gewöhnen?

Dass man sich hier jedes Mal die Hand zur Begrüßung gibt. In Norwegen macht man das nicht. Aber sonst? Die Leute im Straßenverkehr werden sehr schnell sauer, sie sind häufig aggressiv und hupen oft. Inzwischen werde ich auch schon ein bisschen deutsch am Steuer. Ich fange schon an zu fluchen.

Vermissen Sie die norwegische Küche?

Eigentlich nicht. Ich finde das Essen hier sehr gut. Aber wir bringen uns immer ein bisschen was aus der Heimat mit. Makrelen in Tomatensoße zum Beispiel. Schmeckt super und ist auch sehr gesund.

Isst Ihre Großmutter das auch? Die hat am selben Tag Geburtstag wie Sie und müsste jetzt fast hundert sein.

Sie wird nächste Woche 98.

Und wie geht es ihr?

Sehr gut. Sie trainiert auch zweimal pro Woche. Und jeden morgen um 6.30 Uhr macht sie einen Spaziergang, 10, 15 Minuten. Meine Oma ist eine „Maschine“. Zum Glück ist sie auch im Kopf noch topfit. Sie erinnert sich an alles. Manchmal erzählt sie mir: Als du drei Jahre alt warst, hast du das und das gemacht. Wahnsinn. Sie hat uns auch schon hier in Berlin besucht. Das war das erste Mal seit 30 Jahren, dass sie wieder in ein Flugzeug gestiegen ist.

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