Sport : Der Torjäger mit dem Taschenrechner

Ivan Klasnic verhandelt so gut, wie er spielt: Erst verdoppelte Werders Stürmer sein Gehalt, jetzt ist er der beste Torjäger der Champions League

Frank Hellmann[Bremen]

Nur für die Auftritte in der Champions League hüllt sich Thomas Schaaf in feines Tuch, trägt dunkle Hose, Hemd und Sakko. Und dem Trainer von Werder Bremen, der sonst graue Kapuzenpullover oder grün-weiße Polohemden bevorzugt, steht auch dieses Gewand. Auf dem Rasen muss Schaaf dagegen nehmen, was im Angebot ist. Nicht einmal hat Schaaf diese Saison aufgrund der vielen Verletzten seine Wunschelf aufgeboten, nicht einmal hat Werder zwei Spiele hintereinander in derselben Formation gespielt – und doch passt alles wie angegossen. Das 5:1 gegen den überforderten belgischen Titelträger RSC Anderlecht war gar eine Maßanfertigung, die den Trainer mit Stolz erfüllte. „Das war eine absolute Top-Leistung“, sagte Schaaf. „Vor allem die Art und Weise, wie wir gespielt haben.“

Miroslav Klose relativierte die Vorstellung später ein wenig. „Ohne Anderlecht zu nahe treten zu wollen, aber die haben nicht viel gemacht“, sagte er. Ludovic Magnin wollte die eigene Leistung nicht so unterbewerten und verwies auf den Spaß, den die Bremer an der Arbeit hätten. Alle seien auch außerhalb des Platzes Freunde, die davon beseelt sind, „eine ganze Stadt nun auch in der Champions League träumen lassen zu wollen“. Dabei verzücken der Schweizer und seine Kollegen auch längst außerhalb der Hansestadt eine große Anhängerschaft.

Am Dienstag begann der stimmungsvolle Abend schon unmittelbar nach dem Anpfiff. „Wir wollten von Anfang an ein Feuerwerk abbrennen“, sagte Ivan Klasnic. Das gelang ihm auch, als er den Ball nach 82 Sekunden volley ins Tor hämmerte. Sekunden vor Abpfiff traf der starke Daniel Jensen – dazwischen lagen unzählige großartige Momente, unter anderem zwei weitere Tore von Klasnic und eines von Miroslav Klose. Klasnic ist mit nunmehr fünf Treffern bester Torjäger in der Champions League. Der 24-jährige Kroate gilt als Zocker auf und außerhalb des Platzes. Zu Vertragsverhandlungen im Frühjahr erschien er nur mit dem Taschenrechner. Einen Berater brauchte er nicht, sein Gehalt für den Vertrag bis 2007 verdoppelte er allein. „Er ist geistig und körperlich sehr mobil“, beschreibt ihn Vereinschef Jürgen L. Born. „Er zieht in jeder Lebenslage alle Register.“

In Miroslav Klose, der kämpft, läuft, trickst und grätscht, als hätte er nie eine Krise durchlebt, hat Klasnic auf dem Platz einen idealen Partner gefunden. Beide bilden das wohl kompletteste Sturmduo der Liga – spiel- wie laufstark, zweikampf- und kopfballstark. Und da die Champions League das Plateau bietet, auf dem auch Spielmacher Johan Micoud über 90 Minuten glänzen möchte, versiegt der Fluss an Pässen und Flanken nicht. Dieses Dreieck muss europaweit keinen Vergleich fürchten, „auch wenn wir noch nicht gegen Real oder Chelsea gespielt haben“ (Born). Aber was nicht ist, kann ja noch kommen.

Werder hat sich nicht nur zur wichtigsten Marke der Stadt entwickelt, sondern auch international an Reputation gewonnen. Für Born war der sportlich wie wirtschaftlich erfreuliche Abend „ein ganz wichtiger Meilenstein in der Werder-Geschichte“. Zum einen sind die internen Kritiker an der nicht risikofreien Investitionspolitik besänftigt, zum anderen sind die Budget-Planungen übertroffen.

Der dritte Platz in der Gruppe ist schon mal gesichert und damit zumindest auch der Verbleib im Uefa-Cup. „Aber es gibt nur ein Ziel“, sagt Abwehrchef Valerien Ismael. „In drei Wochen wollen wir Inter schlagen und damit ins Champions-League-Achtelfinale kommen.“ Sollte das nicht gelingen, wird alles auf das letzte Spiel in Valencia ankommen. Miroslav Klose warnt bereits vor diesem Szenario: „Wenn wir gegen Inter nicht gewinnen und in Valencia 0:2 verlieren, dann war dieser schöne Abend nicht viel wert.“ Dann bliebe nur noch der Uefa-Cup als Anlass für Thomas Schaaf, seinen schönen Anzug zu präsentieren. Am Samstag in Berlin zur Alltagsarbeit Bundesliga wird er jedenfalls gewiss wieder auf den bequemen Kapuzenpullover zurückgreifen.

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