Sport : Der Torwart aus Harvard

Claus Vetter

Tradition verpflichtet. Bei Oliver Jonas gleich in zweifacher Hinsicht. Der 22-jährige Torhüter in Diensten des EHC Eisbären aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) kommt von einer traditionsreichen Universität und aus einer Familie mit Eishockey-Tradition. Bis zum Herbst hat der Neffe des einstigen Nationaltorhüters Helmut de Raaf in Harvard studiert und pariert.

Von den Mitgliedern der Universitätsmannschaften in Nordamerika heißt es gemeinhin, sie würden häufiger in der Sporthalle als in der Bibliothek zu finden sein. Oliver Jonas kann dieses Vorurteil mit einem Diplom entkräften. Er hat in Harvard sein Physikstudium erfolgreich abgeschlossen. "Das Studium hatte für mich immer Vorrang. Schon in der 10. Klasse habe ich mich in Harvard beworben. Es war immer ein Traum von mir, dort zu studieren." Dass Harvard kein Traum blieb, ist nicht eben selbstverständlich. Oliver Jonas wird oft danach gefragt, und er reagiert bescheiden. "Die haben mich halt genommen."

Schon mit 15 Jahren zog Jonas in die USA und spielte für ein Collegeteam in Minnesota. "Ich wollte mich weiterentwickeln, als Persönlichkeit und auf dem Eis." Helmut de Raaf hatte ihn nach Übersee vermittelt. Der ehemalige Nationaltorhüter ist neben Schwester Isabel - früher Nationalspielerin - schuld daran, dass Jonas zum Eishockey kam. "Mit sechs habe ich ein Spiel der Kölner Haie gesehen. Damals stand mein Onkel im Tor. Ich wollte so werden wie er." Jonas begann bei de Raafs Stammverein Neusser SC und wechselte später zum EV Füssen.

Dass er mit 22 Jahren in die Heimat zurückkehrte, ist vor allem einer neuen Regelung in der DEL geschuldet. Seitdem nur noch 14 Ausländer pro Team erlaubt sind, kann es bei Verletzungen des Stammpersonals zu Engpässen kommen. Da fördern Klub-Manager schon mal so manches deutsche Talent zu Tage. Da bei den Eisbären die Zukunft von Klaus Merk angesichts dessen komplizierter Handverletzung unsicher ist, suchte Manager Peter John Lee nach Ersatz und kam auf Jonas. Der sagte sofort zu. "Ich wollte nach Deutschland zurück. Ein Engagement in einer der amerikanischen Minor-Leagues war für mich weniger attraktiv als eines in der DEL." Dort hat Jonas sein Talent noch nicht häufig demonstrieren können. Dreimal kam er beim EHC zum Einsatz, zuletzt am Freitag beim 1:3 in Krefeld. Trotz der Niederlage wurde ihm eine gute Leistung attestiert. Kann sich Jonas Hoffnungen auf einen neuen Vertrag machen? "Sicher", sagt Eisbären-Manager Lee.

So etwas hört Jonas gern. Er will in Berlin bleiben, irgendwann einmal Stammtorhüter werden, "vielleicht auch den Sprung in die Nationalmannschaft schaffen", sagt Jonas. "In Deutschland ist das ja so eine Sache. Christian Künast und Robert Müller, die bei der WM gespielt haben, sind ja in ihren Klubs auch nicht die Nummer eins."

Jonas weiß, was ihn bei den Eisbären erwartet. Schon heute Abend. Der kanadische Stammtorhüter Richard Shulmistra hat seine Fußverletzung auskuriert, für Jonas bleibt nur der Platz auf der Bank. Enttäuscht? Jonas winkt ab, sagt, dass "ich noch viel zu lernen habe", das Leben als Eishockeyprofi "ist eben härter als das auf der Schulbank". Offensichtlich hat Oliver Jonas neben seinen Lektionen in Physik auch in punkto Etikette einiges gelernt.

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