Sport : Der Torwart ist schuld

Erst kannte ihn niemand, dann wurde er verflucht: Robert Enke hat Ärger in Barcelona

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Von Harald Irnberger

Barcelona. Robert Enke hat in seinem Beruf schon viele schwere Stunden erlebt. Als er noch bei Borussia Mönchengladbach im Tor stand, verlor er einmal innerhalb von acht Tagen 2:8 gegen Leverkusen und 1:7 in Wolfsburg. Mit Benfica Lissabon durchlitt er im Uefa-Cup ein 0:7 gegen den spanischen Klub Celta de Vigo, aber so schlimm wie in der vergangenen Woche war es für ihn noch selten. Bisher nämlich wurde Enke für die hohen Niederlagen seiner Mannschaften nicht persönlich verantwortlich gemacht. Am vergangenen Mittwoch war das anders. „Enke unterschreibt sein Urteil“, schrieb die spanische Fachzeitung „Sport“. „Der deutsche Torhüter hat bewiesen, dass er zu grün ist, um beim FC Barcelona zu spielen.“

Seit Anfang dieser Saison steht der frühere deutsche Junioren-Nationaltorhüter beim spanischen Renommierverein unter Vertrag, und in rekordverdächtiger Zeit hat er es geschafft, die erste Krise bei Barca auszulösen. Mit einigen verunglückten Aktionen hatte der 25-Jährige Barcelonas 2:3-Niederlage gegen den Regionalligisten Novelda verschuldet, die das Aus aus dem spanischen Pokal zur Folge hatte. Daraufhin begannen bei Barca vom Präsidenten abwärts alle wichtigen Stühle zu wackeln. Und hätte es am Wochenende auch noch in der Meisterschaft eine Niederlage gesetzt, so hätte das vermutlich ernste Konsequenzen gehabt. Mit einem 2:0-Sieg in Bilbao aber konnten die Katalanen die Lage wieder einigermaßen beruhigen.

Bilbaos Trainer Jupp Heynckes war es, der Enke vor drei Jahren zu seinem ersten Auslandsengagement nach Lissabon lockte. Der Torhüter wusste sich dort besser in Szene zu setzen als sein Trainer. Als Enke vor der Saison ablösefrei zu haben war, wechselte er zur allgemeinen Überraschung zum FC Barcelona. In Spanien war Enke gänzlich unbekannt. Die örtliche Sportpresse hat Enke daraufhin zum Phänomen ausgerufen, das aus unerfindlichen Gründen noch nicht im deutschen Nationalteam stehe.

Trotz allem geriet die Personalie schnell wieder in Vergessenheit. In Barcelona galt die Aufmerksamkeit in erster Linie der Rückkehr des bei den Fans weithin unbeliebten holländischen Trainers Louis von Gaal. Der schien von der deutschen Neuerwerbung ebenso wenig zu halten wie vom argentinischen Routinier Bonano, der in der vergangenen Saison überwiegend für Barca im Tor gestanden hatte. Überraschenderweise setzte der Holländer zu Saisonbeginn auf den erst 20-jährigen Victor Valdes. Der Nachwuchskeeper erwies sich bei seinen ersten Einsätze indes als reichlich unsicher, so dass Enke zu seiner Chance kam, die er allerdings nicht nutzen konnte. Am Samstag in Bilbao konnte er froh sein, wenigstens wieder einen Platz auf der Ersatzbank zu bekommen.

Das alles hat bei Barca längst schlechte Tradition: Seit dem Portugiesen Vitor Baia, der vor sechs Jahren verpflichtet wurde, hat der schillernde Klub mehr Torhüter eingesetzt als andere Vereine Balljungen: für viel Geld engagierte Ausländer ebenso wie weitgehend unbekannte und hochgejubelte Leute aus dem eigenen Nachwuchs. „Hier müsste sich selbst ein Oliver Kahn erst einmal zurechtfinden“, sagt Robert Enke.

In der Tat ist die permanente Torhüter-Misere vor allem ein Ausdruck des beständigen Chaos, das bei diesem Verein herrscht, seitdem Johan Cruyff vor sieben Jahren von einem despotischen Präsidenten als Trainer vor die Tür gesetzt wurde. Seither wechselt der Klub unentwegt den Trainer, die Spieler, das System. Cruyff hat die mögliche Lösung bereits vor Jahren gekannt: „Man kann die sich ständig wiederholenden Probleme von Barca nur lösen, wenn man damit ganz oben beginnt.“

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