Sport : Der Totalschaden

In der Formel 1 müssen immer mehr kleine Teams wie Jaguar aufgeben – Rennchef Ecclestone ist alarmiert

Karin Sturm[Schanghai]

Drei Ferrari gegen drei McLaren-Mercedes und drei BMW-Williams – wird das die Formel-1-Zukunft im kommenden Jahr? Müssen die großen Teams in Zukunft mit drei Autos antreten, damit in Zukunft nicht nur noch 14 oder 16 Autos am Start eines Grand Prix stehen? Nachdem Jaguar nun tatsächlich offiziell seinen Rückzug aus der Formel 1 erklärt hat, ist das nicht mehr nur ein düsteres Szenario. Das Aussterben der Teams aus finanziellen Gründen ist inzwischen bittere Realität – und es betrifft nicht mehr nur kleine Privatteams, sondern erstmals auch einen Hersteller. „Die Formel 1 ist einfach zu teuer geworden“, erklärte der Verantwortliche für Jaguars Formel-1-Projekt, Richard Parry-Jones. Es habe keinen Zweck mehr, viel Geld zu investieren, um mit BMW oder Mercedes mitzuhalten. „Und nur mit- und hinterher zu fahren, das kann nicht unser Ziel sein“, sagt Parry-Jones.

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten im gesamten Ford-Konzern waren Auslöser für den Rückzug. Die Ankündigung, das Formel-1-Team sowie die Motorenschmiede Cosworth zu verkaufen, sind die für alle sichtbaren Folgen. Erst in der vergangenen Woche wurde beschlossen, das größte englische Jaguar-Werk in Coventry zum Jahresende zu schließen. Diese Meldung war für Formel-1-Insider schon ein wichtiges Anzeichen dafür, dass es auch mit dem Formel-1-Engagement zu Ende gehen dürfte.

Zwei Autos sind es nun weniger im kommenden Jahr – wenn sich nicht noch jemand findet, der Jaguar übernehmen will. Doch eher werden noch mehr Konkurrenten wegfallen. Selbst dann, wenn sich für die Ford angegliederte und als profitabel geltende Motorenschmiede Cosworth ein Käufer findet und sie der Formel 1 erhalten bliebe. Selbst dann, wenn in diesem Fall weiterhin Motoren für kleine Teams verfügbar wären.

Auch die Zukunft des Teams Minardi ist schon seit längerem ungewiss. Die italienische Regierung hat inzwischen eine vorsichtige Zusage gegeben, das Team zu unterstützen. Teamchef Paul Stoddart jedenfalls, der auf einen gültigen Motorenvertrag mit Cosworth für 2005 verweist, glaubt an eine Zukunft: „Es wird sich in Gesprächen mit Cosworth eine Lösung finden. Notfalls könnten wir zum Beispiel auch alte Cosworth-Motoren nehmen und selbst vorbereiten. Die Technik dafür ist bei uns vorhanden.“

Schlimmer sieht es bei Jordan aus. Dort gibt es im Moment große Zweifel, ob das Team überhaupt noch die letzten drei Rennen dieser Saison übersteht. Die Mechaniker bekamen jedenfalls die Anweisung, nur für den Grand Prix in China zu packen – für die Rennen in Japan und Brasilien sei kein Geld mehr da. Gut möglich, dass für Nick Heidfeld und Timo Glock die Saison bereits vorzeitig zu Ende ist. Von einer Perspektive für 2005 möchte da niemand im Team reden.

Der Chef der Formel 1, Bernie Ecclestone, ist alarmiert. Er hatte schon immer klargemacht, dass er im Prinzip von der Drei-Auto-Lösung der Top-Teams nicht viel hält, sie nur als „absolute Notvariante“ zulassen will. Ecclestone weiß, dass die Formel 1 mit dem Verlust der Vielfältigkeit auch an Attraktivität einbüßt. In den nächsten Tagen wird Ecclestone sicherlich versuchen, potenzielle Käufer von einem Formel-1-Einstieg zu überzeugen. Zu Investitionen bereit ist offenbar Christian Horner, der Chef des Arden-Teams aus der Formel 3000. Er könnte Jordan übernehmen – oder eben Jaguar. Auch der Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz könnte in das Geschäft einsteigen. Der hatte zwar erklärt, zum Jahresende seine Aktivitäten bei Jaguar einzustellen, dabei allerdings nur vom Sponsoring gesprochen. Vielleicht wäre der Österreicher ja zu einer Rettungsaktion bereit, wenn er sich relativ günstig seinen Traum vom eigenen Team verwirklichen kann.

Sollte es aber auf Wunsch der großen Teams wirklich zu einer Drei-Auto-Regel kommen, ist der nächste Grundsatzstreit in der Formel 1 abzusehen. Denn viele Fragen sind offen: Wer etwa entscheidet, welche Teams ein drittes Auto einsetzen müssen, dürfen oder können? Wer erklärt den Zuschauern das Durcheinander, wenn, wie geplant, die dritten Fahrer zwar in allen Ergebnislisten auftauchen, aber keine Punkte mehr bekommen? Oder sollen auch die dritten Fahrer Punkte bekommen? Das alles dürfte die Zuschauer umtreiben. Die Experten aber werden etwas anderes fragen: Wie sollen solide, aber kleinere Privatteams wie Sauber noch zum Mitmachen motiviert werden? Denn die hätten dann nicht mal eine Chance auf einen guten Mittelfeld-Platz.

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