Sport : Der Tradition zuliebe

100 Jahre Australian Open: Im High-Tech-Park von Melbourne hat das Tennisturnier endlich ein modernes Zuhause gefunden

Alexander Hofmann[Melbourne]

Wenn man heute mit tausenden Zuschauern über die überdimensionale Tennisanlage im Melbourne Park wandert, kann man sich kaum die bescheidenen Anfänge der Australian Open vorstellen. Im Warehousemans Cricket Club standen sich 1905 Rodney Heath aus Melbourne und Dr. Arthur Curtis aus Adelaide im Finale der Austral-Asian Tennis Championships gegenüber, nachdem sie sich in einem Feld von gerade einmal 17 Spielern durchgesetzt hatten. Hundert Jahre später starten bei den Australian Open 256 Spieler und Spielerinnen in den Hauptfeldern, dazu noch Hunderte in den Doppel-, Mixed- und Juniorenkonkurrenzen. Während damals immerhin 5000 Zuschauer das Endspiel verfolgten, sind es heute mehr als eine halbe Million, die das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres live erleben, dazu noch viele Millionen an den Fernsehschirmen in aller Welt. Am Montag beginnt das traditionsreiche Turnier.

Nach einer jahrzehntelangen sportlichen und finanziellen Durststrecke ermöglichte aber erst der Umzug auf die hochmoderne Anlage unmittelbar neben dem Stadtzentrum der zweitgrößten australischen Stadt, dass die Australian Open wieder den Status bekamen, der ihnen als Grand-Slam-Turnier zustand. In den 70er und 80er Jahren war das Turnier langsam in die Bedeutungslosigkeit gesunken, kaum noch Weltklassespieler aus dem Ausland ließen sich auf dem fünften Kontinent sehen, und es gab sogar Experten, die verlangten, dass dem Wettbewerb der Status als eines der vier großen Turniere der Welt neben den French Open, Wimbledon und den US Open entzogen werden soll.

Bis 1971 waren die Australian Open sogar ein Wanderturnier, sie fanden in Sydney, Brisbane, Adelaide und selbst in Neuseeland statt. Erst 1972 wurde Australiens Sporthauptstadt Melbourne zum permanenten Austragungsort des bedeutendsten Turniers des Landes. Aber auch das nützte auf lange Sicht nichts. Vielen ausländischen Stars war die weite Reise einfach zu anstrengend, der unbeliebte Termin zum Ende des Jahres tat ein Übriges. Gelegentlich fand das Endspiel gar am Neujahrstag statt. Erst 1987 wurde auf den jetzt noch gültigen Termin im Januar umgestellt. Nur die jahrzehnte- lange Dominanz der australischen Akteure im Welttennis der 50er und 60er Jahre bewahrten die Veranstaltung vor dem völligen Sturz in die Bedeutungslosigkeit. Während in Paris, London und New York regelmäßig Spieler wie Björn Borg, John McEnroe und Jimmy Connors um die Titel kämpften, mussten sich die australischen Zuschauer mit weniger glanzvollen Namen bescheiden.

Am Anfang wurden sogar die Fernsehrechte gratis vergeben, nur damit die Australian Open ein bisschen mehr Aufmerksamkeit erregten. Erst 1975 übertrug der US-Sender CBS zumindest das Endspiel, aber auch nur, weil der US-Amerikaner Connors sich nach Australien hatte locken lassen und das Finale erreichte. Im altehrwürdigen Stadion im reichen Stadtteil Kooyong gab es bis zum Umzug 1988 noch Tennis pur. VIPs, Spieler und normale Zuschauer speisten im gleichen Zelt. Das war zwar heimelig, aber nicht mehr zeitgemäß und finanziell wenig ergiebig. Nur der berühmte Wegweiser zu den anderen Turnieren – Flushing Meadow 16 690,5, Roland Garros 16878,7 und Wimbledon 16 999 Kilometer – wies darauf hin, dass das Turnier zu den Großen Vier gehörte, unterstrich aber gleichzeitig auch symbolisch die große Distanz.

Im letzten Kooyong-Jahr, wo bis dahin wie immer bei den Australian Open traditionell auf Rasen gespielt wurde, kamen 140 000 Zuschauer. Schon im ersten Jahr auf der damals noch Flinders Park genannten neuen Anlage strömten 260 000 Besucher und sahen die Spiele auf dem synthetischen Untergrund namens Rebound Ace, als Steffi Graf und der Schwede Mats Wilander erste Champions wurden. Im vergangenen Jahr waren es rund doppelt so viele Zuschauer. Fast alle Hotelzimmer in der 3,5-Millionen-Einwohner-Metropole sind Monate vorher ausgebucht, die Australian Open sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden und pumpen mehr als 100 Millionen Dollar in die Wirtschaft des Bundeslandes Victoria.

Mittlerweile haben die Australian Open seit dem Umzug aus dem geschichtsreichen Kooyong-Stadion auch ihren Charakter entwickelt, der jedem Grand-Slam-Turnier eigen ist. Während Wimbledon mit seinem sattgrünen Rasen eine gewisse Altehrwürdigkeit ausstrahlt, in Paris französische Eleganz das Bild beherrscht und in New York die Begeisterung der Amerikaner dominiert, herrscht im Melbourne Park Ferienatmosphäre. Das liegt natürlich auch am meist heißen Wetter, das die Verwendung von Sonnencremes in Landesfarben und knallbunten T-Shirts sowie den Konsum eiskalten Biers fördert. Zwei Arenen mit Schiebedach sorgen zudem dafür, dass auch bei Regen oder großer Hitze stets gespielt werden kann.

Der Umzug hat sich nicht nur finanziell gelohnt. Auch sportlich brauchen sich die Australian Open nicht zu verstecken. Alle Tennis-Stars wie John McEnroe, Pete Sampras, Andre Agassi, Boris Becker, Stefan Edberg oder bei den Damen Steffi Graf, Monica Seles, die Williams-Schwestern und Martina Hingis waren seit der Eröffnung der möglicherweise perfektesten Tennisanlage der Welt „Down under“. 2007 werden die Australian Open noch eine Woche später beginnen, um den Spielern die gewünschte längere Pause einzuräumen.

Beim Marketing hat man sich in Melbourne neu orientiert. Unter dem früheren Weltklasse-Doppelspieler Paul McNamee als Turnierdirektor zielt jetzt der Blick nach Asien, nachdem früher Europa interessanter war. „Der Grand Slam des asiatisch-pazifischen Raums“ heißt das heute offiziell, das Turnier will sich auf den sportlich, aber vor allem wirtschaftlich dynamisch wachsenden asiatischen Raum einstellen.

Die Herren Heath und Dr. Curtis hätten wohl nur ungläubig mit dem Kopf geschüttelt, wenn ihnen das jemand vorausgesagt hätte. 

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