Sport : Der Tragiker

Zwei Tage wartete Deutschland, ob Michael Ballack spielen kann. Neun Mal war er schon Zweiter geworden. Jetzt sind es zehn Mal

Seinen ersten großen Auftritt hat Michael Ballack fünf Minuten vor dem Anpfiff. Der Kapitän führt die Nationalmannschaft zum Finale auf das Feld, es ist sein erstes großes mit diesem Team, 2002 war er im WM-Finale gesperrt. Endlich will er einen großen internationalen Titel gewinnen. Neun Mal ist Ballack schon Zweiter geworden, darunter waren auch zwei Endspiele in der Champions League. Noch am Mittag sah es so aus, als ob er wieder nicht die Gelegenheit dazu bekommen würde, eine ganz große Trophäe in die Höhe zu stemmen. Bei den letzten lockeren Übungen hatte Ballack gefehlt, seit Freitagmorgen machte ihm die verhärtete Wade Probleme. Die Fußballnation auf den Fanmeilen und in den Wohnzimmern bangte um den Anführer der Mannschaft von Joachim Löw. Am Nachmittag wird klar, dass Ballack spielen wird, und im deutschen Fernsehen spricht Gerhard Delling von einem ersten Sieg, weil die Spanier ihren Stürmer David Villa nicht fit bekommen haben. Dass der eine Zerrung hat und Verletzungen schlecht zu vergleichen sind, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass Ballack auf dem Platz steht.

Nach fünf gespielten Minuten setzt Ballack nach einem Doppelpass mit Philipp Lahm Lukas Podolski ein, der aber schlecht flankt. Nach acht Minuten sprintet er zum ersten Mal und setzt sich auf der linken Seite gegen Sergio Ramos durch, seine Flanke findet aber niemanden. Nach vorne kann er sich danach nur wenig in Szene setzen. Wegen seiner vorgerückten Position im Mittelfeld kann er nicht wie sonst aus der Tiefe kommend den Abschluss suchen, wenn überhaupt, ist er nur mit dem Rücken zum Tor anspielbar. Nur einmal kommt er zum Schuss, trifft aber Sergio Ramos – nicht an der Hand, wie er reklamiert. Zum Kopfball kommt er in der ersten Halbzeit gar nicht.

Hat der Gegner den Ball, wartet er im Mittelfeld mit den anderen ab, gelegentlich organisiert er das Pressing, indem er als Erster angreift. In die Zweikämpfe geht er wie gewohnt, des öfteren foult er dabei. Die Fouls wie der Tritt in Xavis Hacke erscheinen unmotiviert, sollen aber seine Mitspieler motivieren, die sich insgesamt zu wenig bewegen. Ballack läuft gewohnt viel. Seine Mitspieler suchen ihn als Anspielstation, sie suchen die Erfahrung seiner 87 Länderspiele in diesem Spiel, das nach 20 guten Anfangsminuten alles andere als optimal für sie läuft.

Nach 36 Minuten muss der 31-Jährige wieder vom Feld. In einer harmlos erscheinenden Szene stoßen er und Marcos Senna mit den Köpfen zusammen, minutenlang wird Ballack, der am Auge blutet, behandelt. Er darf wieder aufs Feld, muss noch einmal kurz raus, darf wieder drauf. Und bekommt sofort die Gelbe Karte für ein taktisches Foul im Mittelfeld, mit dem er einen Konter verhindert.

Nach der Pause ändert sich in den ersten Minuten für Ballack nichts, mit der Einwechslung von Kevin Kuranyi in der 58. Minute aber einiges. Die Deutschen spielen jetzt wieder mit ihrem alten 4-4-2-System mit zwei Stürmern, Ballack kann nun wieder etwas mehr aus dem Hintergrund kommen. Gleich nach der Einwechslung Kuranyis legt Bastian Schweinsteiger auf Ballack ab, der nur knapp am Tor vorbei schießt. Eine Minute später flankt Ballack auf Kuranyi, doch der spanische Torwart Iker Casillas ist eher am Ball. Die deutsche Mannschaft ist wieder besser im Spiel, Ballacks zehnter zweiter Platz nach all den Vizemeisterschaften und verlorenen Pokalendspielen rückt mit jedem gefährlichen Konter der Spanier aber näher. Auch der Kapitän hat sich in den letzten Minuten einige Fehlpässe geleistet, was kann er noch tun?

Das Spiel geht hin und her, Ballack läuft hin und her. Eine Viertelstunde vor dem Ende steht er gerade noch im Weg, als die Spanier einen ihrer Angriffe mit dem entscheidenden Querpass abschließen wollen. Der Abpfiff naht. Wieder ist eine Chance für Ballack vertan. Die einzige gute Torchance im Spiel hatte er selbst gehabt. Der Abpfiff. Michael Ballack geht umher. Er weint dieses Mal nicht.

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