Sport : Der Trainer puzzelt das Erfolgsbild HSV 2000 zusammen

Christoph Grittmann

Mittags kommt der Pizza-Mann. Die Adresse für die Großaufträge kennen die Kombifahrer im Schlaf: Ulzburger Straße 94, Norderstedt. Da, wo Hamburgs nördlicher Speckgürtel beginnt und Uwe Seeler mit sehnsüchtigem Blick auf das HSV-Trainingsgelände das Schwimmbad in seinem Bungalow wieder zuschütten ließ. "Geht ja doch keiner rein."

Wenn Pizza, Pasta und Apfelsaftschorle durch die Glastür des neuen HSV-Zentrums getragen werden, huscht das erste Grinsen über Frank Pagelsdorfs Gesicht. Seeler ist Geschichte, Ernst Happel Legende, Felix Magath weit weg im Abstiegskampf. Der HSV-Trainer dieser Tage ist den langen Schatten einer glorreichen Vergangenheit entwischt und macht "sein eigenes Ding". Dieses Erfolgsgebäude hat er auf- und eingerichtet. Nach dem Training essen und reden, bevor die Herren Champions-League-Aspiranten in ihre Reihenhaus-Kolonien im Umland entfleuchen - das ist fußballerisches Nirwana auf Pagelsdorf-Art.

"Schwachsinn." Der Hamburger Trainer sagt oft dasselbe wie der von Bayer Leverkusen. Nur anders. Pagelsdorf ist ein Anti-Daum. "Unser Ziel ist der Uefa-Cup, alles andere ist Schwachsinn." Und diese Dauerarien, dieses permanente hohe C auf seine begeisternde Mannschaft? "Da kann ich mir nichts für kaufen." Für das viele Reden zwischen den Spielen greift der mundfaule Trainer längst auf den branchennotorischen Fundus von wolkigen Floskeln zurück. "Dumbo" nennen ihn die Neider. Dieser augenscheinliche Dickhäuter ist allerdings extrem dünnhäutig. Für Kritik hat er ein Elefantengedächtnis.

In seinem Dreijahresplan ist seit 1997 fast alles aufgegangen. Zweimal indes konnte nur knapp der Abstieg verhindert werden. "Wir wollten einen Umbruch machen", sagt Pagelsdorf. Der war radikal. Über 30 Profis wurden seitdem ge- und verkauft, als "Spielermaterial" durch Pagelsdorfs Verwertungsmaschine geschleust. Der Millionenumsatz ohne Gewinn war beängstigend hoch für einen ehemaligen Mittelmaß-Klub. Ultimativ setzte sich der Trainer immer durch gegenüber einem Vorstand, der in den vergangenen Jahren entweder selbst kein Konzept hatte oder bei der Bewilligung des Geldes schon ein anderer war als bei des Trainers Ersuchen. Deshalb rühmte sich Pagelsdorf vor dieser Saison, für bloß drei Millionen Mark eingekauft zu haben. In der neuen Schnäppchen-Elf stürmen der Iraner Mehdi Mahdavikia und Roy Präger (zurzeit formschwach) neben einem alterslos ballsicheren Anthony Yeboah. "Er spielt nicht schlecht für einen 45-Jährigen", pflegt Pagelsdorf über den früheren Bundesliga-Torschützenkönig zu frotzeln.

Die Ironie erwächst aus neuem Selbstbewusstsein. Pagelsdorf nährte diese Sorgenkinder an seiner Brust. Niko Kovac wurde in Leverkusen kaltgestellt. Bei Pagelsdorf steht er in voller Blüte. Renner Kovac sichert mit einem weiteren Mittelfeldspieler den zartgliedrigen Rodolfo Cardoso ab, dessen zweiten Vornamen Esteban TV-Kommentatoren plötzlich wieder auf der Zunge schmelzen lassen, wenn er einen Querpass über acht Meter spielt. Cardoso weiß, wem er das neue Vertrauen verdankt. Pagelsdorf experimentierte lange und erfolglos mit einem Dreier-Sturm und einer Dreierkette in der Defensive, dazwischen ein unberechenbares Quartett mit präziser Raumaufteilung. Mittlerweile klappts. Die Manndecker Andrej Panadic und Ingo Hertzsch zerrte Pagelsdorf aus Zweit- und Drittklassigkeit an die Rampe der Bundesliga. Im Abstiegskampf die Garanten der Erstklassigkeit, hungern sie nun geradezu nach neuen Zielen. Auch der standfeste Defensivhandwerker Nico Hoogma konnte sich nie in die Weltklasse seiner niederländischen Landsleute Jaap Stam oder Frank de Boer spielen.

Als Einzelspieler ragt auch jetzt keiner aus der Mannschaft heraus, wenn man den HSV-Profis nach jedem Spiel individuelle Noten gibt. Außer vielleicht Torwart Hans-Jörg Butt. Er ist der Einzige, den noch Pagelsdorfs Vorgänger Felix Magath verpflichtete. "Butt ist schon eine Kultfigur", räumt selbst Pagelsdorf ein. Doch keiner im Team hat schon etwas erreicht. Selbst dem Trainer fehlt ein Titel auf dem Briefbogen. "Pagelsdorf hat noch nichts geleistet", unkte Sportchef Holger Hieronymus noch vor einem Jahr. Mittlerweile haben sich die beiden Ex-Profis zusammengerauft. Auch das ein Puzzleteil im kleinen Erfolgsbild des HSV 2000.

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