Sport : Der Trainingsanzug lebt

Huub Stevens ändert sein Outfit, und Hertha BSC gewinnt zum ersten Mal in dieser Saison

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Von Michael Rosentritt

Bielefeld. Nicht selten sind es Äußerlichkeiten, die einen tieferen Einblick in das Innenleben der handelnden Personen bieten. Zum Beispiel Huub Stevens. In Bielefeld hatte der neue Trainer von Hertha BSC erstmals in dieser Bundesligasaison einen Kleiderwechsel vollzogen. Statt des dunklen Einreihers trug der Niederländer vereinsinterne Ballonseide, so wie er es sechs Jahre lang bei Schalke 04 mit Erfolg getan hat. Der Mann aus dem limburgischen Revier trug in Gelsenkirchen seine Herkunft und Mentalität in aller Öffentlichkeit vor sich her. In Berlin aber, der Hauptstadt, sollte es der Anzug sein. Viermal coachte Stevens seine Mannschaft im feinen Zwirn, viermal konnte die Mannschaft nicht gewinnen. Gestern aber, in Bielefeld, wirbelte der Niederländer im Trainingsanzug, und siehe da, Hertha holte sich durch den 1:0-Sieg die ersten drei Punkte. Marcelinho hatte in der 52. Minute vor 22000 Zuschauer kunstvoll das Tor des Tages erzielt.

Manager Dieter Hoeneß, dem der Kleiderwechsel „gar nicht aufgefallen“ war, obwohl er die komplette zweite Halbzeit lang ungefähr zwei Meter von Stevens entfernt saß, hatte andere sichtbare Veränderungen auf dem Spielfeld ausfindig gemacht. „Heute stimmte die Einstellung von Beginn an.“ Die Spieler hätten sich auf die Grundtugenden besonnen. „Dann kommen die spielerischen Momente von ganz allein hinzu. Wenn das wieder stimmt, werden wir auch wieder Spiele mit etwas mehr Glanz gewinnen.“

Vier Spiele hat der Berliner Bundesligist gebraucht, um zu sehen, wie es nicht geht. „Nach den Problemen und den Ausfällen haben wir heute eine Mannschaft gesehen, die zusammengerückt ist. Und dann zwingt man auch mal das Glück“, sagte Huub Stevens. Zu dem Glück der Berliner zählte, dass die Bielefelder Vata und Diabang zwei hundertprozentige Chancen nicht nutzen konnten, und dass Schiedsrichter Albrecht in der 62. Minute nicht Strafstoß pfiff, nachdem Stefan Beinlich erst den Ball im eigenen Strafraum absichtlich mit der Hand gespielt und anschließend den Bielefelder Brinkmann umgegrätscht hatte.

Beinlich, der trotz seiner schwachen Leistung bei der 1:2-Niederlage gegen Mönchengladbach als Mannschaftskapitän in Bielefeld auflief, verletzte sich kurz darauf und musste ausgewechselt werden. Beinlich erlitt einen Muskelfaserriss und wird wahrscheinlich zwei Wochen ausfallen. Der Mittelfeldspieler reiht sich in eine lange Liste von Verletzten ein, von der er gerade erst gestrichen worden war. Sieben Spieler fehlten in Bielefeld. Zu den äußerlichen Veränderungen gehörte auch, dass Eyjölfur Sverrisson und Andreas Neuendorf in die Startformation gerutscht waren. Auch dies wohl nicht ganz zufällig. Beide Spieler gelten nicht gerade als Sensibelchen. Solche Typen sind gefragt, wenn allgemeine Verunsicherung um sich greift. Sverrisson sicherte nach hinten an der Seite von Marko Rehmer und Arne Friedrich ab, Neuendorf ersetzte im Sturm Michael Preetz an der Seite von Luizao.

Die Hertha-Fans hatten sich auch etwas einfallen lassen und in ihrem Block ein Spruchband ausgerollt. In Großbuchstaben war zu lesen: „Kämpfen und siegen“. Und als hätte es dieser Botschaft bedurft, bemühten sich die Berliner auf dem Platz nach anfänglicher Nervosität. Wenn man eine Gelbe Karte als Indiz für Einsatzbereitschaft und Leidenschaft ansehen will, lag Hertha über dem Schnitt. Fünf Berliner wurden verwarnt, so viele, wie in den vorangegangenen vier Spielen zusammen.

Wie wackelig aber das Gebilde Hertha noch ist, bewies ein einziger Fehlpass. Mitten hinein in Herthas Drangphase hatte Michael Hartmann den Ball parallel zur eigenen Strafraumlinie gespielt und damit eine Bielefelder Großchance eingeleitet. Prompt verkrampfte Hertha. Schließlich war es Marcelinho, der eine Verlegenheitsflanke von der linken Seite direkt nahm und so das 1:0 für seine Mannschaft erzielte.

Die Erleichterung machte sich bis hin auf die Trainer- und Ersatzbank der Berliner bemerkbar. Hoeneß und Stevens herzten den Torschützen wie lange nicht mehr. Schließlich umarmten sich auch noch der Manager und der Trainer im Trainingsanzug. Später stellte sich Hoeneß hin und lächelte breit: „Wissen Sie, solange der Trainer nicht nackt auf der Bank sitzt, ist es mir egal.“

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