Sport : Der Trainingspartner aus Deutschland

Julius Müller-Meiningen

Traurig für die Fußballer von Bayer Leverkusen an diesem Abend im Londoner Highbury-Stadion war, dass sie eigentlich alles schon vorher gewusst haben. Sie haben gewusst, dass der FC Arsenal mit Patric Vieira den wohl besten Mittelfeldspieler der Welt hat, sie haben gewusst, dass Arsenals schnelle Angreifer eine Abwehr schwindlig spielen können, und sie haben gewusst, dass die Anfangsphase des Spiels wahrscheinlich entscheidend sein würde. Trotzdem ließ sich Bayer Leverkusen am Mittwochabend in der Zwischenrunde der Champions League vorführen. 1:4 hieß es nach 90 einseitigen Minuten, und Trainer Klaus Toppmöller zog die traurig-zutreffende Bilanz: "Wir haben im Prinzip alles falsch gemacht."

Nach dem grandiosen 4:0-Sieg am Sonntag gegen Borussia Dortmund hatte niemand eine fast ebenso hohe Niederlage in London erwartet. Und doch lief der Tabellenführer der Fußball-Bundesliga zielsicher und schnell in die Falle. Schon nach sechs Minuten hatten die Franzosen Robert Pires und Thierry Henry Arsenal 2:0 in Führung geschossen und Toppmöller als Quell allen Übels seinen sonst so zuverlässigen Defensiv-Strategen aus Brasilien ausgemacht: "Ich glaube, jeder hat gesehen, dass Lucio heute nicht seinen besten Tag hatte."

Der Leverkusener Trainer fand es "schade, dass wir so dumme Fehler machen. Die werden international sofort bestraft". Obwohl Toppmöller die Gefährlichkeit von Arsenals fünf Franzosen mit den fünf deutschen Nationalspielern, die für Leverkusen zum Einsatz kamen, aufwiegen wollte, musste er gestehen, "dass wir Anschauungsunterricht bekommen haben". Die Ausrede, es hätten ausschließlich individuelle Fehler zu den Toren geführt, zählt nicht - denn ohne sie verliert kein Team ein Fußballspiel.

Nicht nur in der Defensive, auch im Spiel nach vorne zeigte Leverkusen ungewohnte Schwächen. Diego Placente unterliefen viele Fehlpässe, Michael Ballack fiel nichts ein, Bernd Schneider verzettelte sich oft, Ulf Kirsten und Oliver Neuville hingen hilflos in des Gegners Hälfte herum. All das fiel an diesem Abend in Highbury so auf, weil der Gegner eine Klasse besser war. "Arsenal war auf einer anderen Ebene", befand Leverkusens Manager Reiner Calmund, und Trainer Toppmöller mochte die Leistung des Gegners nicht unkommentiert lassen: "Die haben in Vieira, Henry, Pires und Bergkamp so viele internationale Topleute in der Mannschaft. Man muss auch die Klasse der anderen Mannschaft anerkennen." Arsenals französischer Trainer Arsene Wenger nahm die Komplimente dankend entgegen und reichte sie an seine Mannschaft weiter: "Wenn wir so weiterspielen, können wir die Champions League gewinnen."

Von derartigen Zielen ist Bayer Leverkusen nach den Eindrücken des Mittwochabends so weit entfernt wie zuletzt vor knapp zwei Jahren, als unter Christoph Daum am letzten Spieltag die sicher geglaubte Deutsche Meiserschaft verspielt wurde. Nach der demütigenden Demontage von Highbury blieb für Bayer die bittere Erkenntnis, dass Erfolge in der Bundesliga noch lange keinen Platz in der europäischen Spitze garantieren. Wie schon beim 0:4 in Turin Ende des vergangenen Jahres genügte Leverkusens Leistung nur für die Rolle eines besseren Trainingspartners. Die Kluft zwischen nationaler Qualität und internationalem Unvermögen lässt dann durchaus auch auf die Qualität der Bundesliga schließen. Der "Daily Telegraph" kleidete den Unterschied zwischen dem Bundesliga-Ersten und dem Zweiten der Premier League in einen seltsamen Vergleich: "Arsenals Maestros zeigten eine Show von künstlerischem Wert. Leverkusen sah aus wie ein Intertoto-Kandidat."

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