Sport : Der Traum vom Fliehen

Jens Voigt nimmt gerne Reißaus – damit hat es der Profi von CSC bis ins Gelbe Trikot geschafft

Hartmut Scherzer[Grenoble]

Jens Voigt hat einmal gesagt: „Ich hätte gerne Ulles Beine für ein Jahr. Oder am besten den ganzen Körper – mit meinem Kopf obendrauf.“ Gegen einen Radrennfahrer mit den gemischten Genen Jan Ullrichs und Voigts hätte auch Lance Armstrong keine Chance. „Doch weil man nicht alles haben kann“, begnügt sich der in Berlin lebende Mecklenburger mit dem, was er kann: unentwegt fliehen. Immer wieder. Getreu seinem Motto: „Du musst nur lange genug auf das Glück einprügeln. Dann kommt es auch zu dir.“

Sein angriffslustiges Naturell, seine couragierte Fahrweise haben ihn zum Alleinunterhalter an sonst ereignislosen Tagen gemacht, zum „Radaufahrer“, wie er über sich sagt. „Was soll ich im Feld? Wenn es in die Berge geht, hängt mich Armstrong locker ab.“ Für den Fluchtexperten im Peloton sind die hohen Berge einfach zu hoch. Wenn einer 1,89 Meter groß ist und fast 80 Kilogramm wiegt, dann ist es mühsam, sich auf die Alpen- und Pyrenäenpässe zu schleppen.

Doch eigentlich hat ihm CSC-Teamchef Bjarne Riis einen anderen Auftrag gegeben: den Kapitän Ivan Basso zu beschützen. Wie im vergangenen Jahr, als Voigt seinem Landsmann Jan Ullrich nachjagen musste und dafür Pfiffe und Kritik erntete, als sei er ein Vaterlandsverräter. Das hat ihn schwer getroffen. Kapieren die denn in Deutschland nicht, dass seine Loyalität allein seinem dänischen Team gilt?

Irgendwann stellt sich auch der Lohn für die Courage ein. Wie am Sonntag: Voigt, 33 Jahre alt, Vater von vier Kindern und zum achten Mal auf Tour, hatte endlich freie Fahrt bekommen und übernahm in Mülhausen von Lance Armstrong das Gelbe Trikot, nach einer 160 Kilometer langen Flucht mit dem Kumpel Christophe Moreau.

Natürlich weiß Voigt, dass es wieder mal nur ein kurzes Glück in Gelb sein wird, wie schon 2001. Immerhin gehört ihm das begehrte Trikot diesmal zwei Tage, am Ruhetag und am so genannten ersten Tag der Wahrheit, wenn die Fahrer in den Alpen nach Courchevel klettern müssen. „Ich habe keine Ilussion, dass ich damit bis Paris fahren könnte.“

Für Voigt war es im Nachhinein gesehen ein Glück, dass er sich nie einem deutschen Team angeschlossen hat. Seit 2004 fährt er für CSC. Frankreich und Bjarne Riis haben Voigt zu einer Persönlichkeit und zum Aktivensprecher der Szene gemacht. Er spricht fließend Französisch und Englisch. „Mir hat das viel gebracht“, sagt er, „Es gibt kaum etwas Besseres für einen jungen Menschen, als im Ausland Erfahrungen zu sammeln.“

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