Sport : Der Traum vom Foto auf der Pasta-Packung

Inline-Skater sind in Kolumbien Helden und populäre Werbefiguren – der deutsche Spitzenfahrer Victor Wilking hat dort eindrucksvoll Nachhilfe erhalten

Frank Bachner

Berlin -Victor Wilking wohnt am Ende einer langen Straße mit schönen Häusern und Gärten, mit einem Tenniszentrum und Kleingarten-Anlagen. Eine idyllische Gegend in Berlin-Mariendorf. Aber die Straße hat auch vier kleine Querstraßen, die erste liegt gleich vor seiner Haustür. Deshalb trainiert er hier ungern. „Es ist gefährlich“, sagt er. Wilking geht lieber in noch ruhigere Gegenden, wo die Inline-Skater nicht auf die Rechts- vor-Links-Regel achten müssen.

Er ist der schnellste Berliner Skater, Mitglied des Vero-Powerslide-Teams, er braucht gute Bedingungen. Acht Mal Training pro Woche sind normal, in der Saisonvorbereitung waren es 14 Einheiten. Es ist ein hartes, konzentriertes Training, und es zahlt sich aus. Der 18-Jährige hat 2006 den Berliner Halbmarathon gewonnen. Und er war danach in Groß-Gerau, in einem Feld mit europäischen Spitzenfahrern, über 10 000 Meter bester Deutscher. Er wurde Vierter.

Es ist ziemlich lange her, dass er lasch trainierte. Er hat gelernt, dass er mehr tun muss. Ein paar 13-Jährige haben ihm das unter anderem beigebracht. Wilking ist gegen sie gelaufen, „und die haben mich stehen lassen wie einen Kartoffelsack“. Da war er 17.

Aber er war damals auch in Cali, Kolumbien, das war der Unterschied zu Berlin-Mariendorf. Er war in dem Land, in dem Inline-Skating nach Fußball Nationalsport Nummer zwei ist. Hier lebte der Gymnasiast Wilking von August 2004 bis Juni 2005. Und hier begann sich der Inline-Skater Wilking sehr bald zu fragen, „warum ich früher so lasch trainiert habe“. Hier sah Wilking auch, wie gut die Bedingungen in Mariendorf doch sind. „In Cali sieht man keinen Inline-Skater auf der Straße“, sagt er. „Bei dem Verkehr wäre das lebensgefährlich.“

Über ein Schüler-Austauschprogramm war Wilking nach Cali gekommen. Er geht eigentlich auf ein Gymnasium in Tempelhof, aber für ein Schuljahr wollte er an die deutsche Schule nach Cali. Und natürlich wollte er gleichzeitig professionell trainieren. Seine Gasteltern verstanden ihn. Maria Claudia Salazar, die Tochter, ist selber Skaterin. Und die Familie lebt für den Sport der Tochter. Vater Salazar besitzt eine Autowerkstatt, die Mutter arbeitet als Sekretärin, sie verdienen gut, aber rund 4000 Euro im Jahr gaben sie nur für Inline-Skating aus. Vereinsbeitrag, Wettkämpfe, Schuhe, Rollen, alles müssen sie selber finanzieren.

Es ist einigermaßen paradox in Kolumbien, sagt Wilking. Die ganze Nation interessiert sich fürs Inline-Skating. Die Zeitungen berichten ausführlich über Wettkämpfe in Korea, im Fernsehen werden Rennen übertragen, die erfolgreichsten kolumbischen Skater sind Stars und populäre Werbefiguren. Auf die Verpackung einer Pastasorte sind die besten kolumbianischen Skater gedruckt. Aber die Zahl der aktiven Skater ist relativ gering. Inline-Skating ist einfach zu teuer für die Masse. Die Arbeitslosenquote in Kolumbien liegt bei 12,4 Prozent, das Jahres-Durchschnittseinkommen bei rund 2200 Euro. Skater haben Eltern, die mindestens zum Mittelstand gehören.

Und sie müssen in Vereinen laufen. Nur dort gibt es Betonbahnen, auf denen man ungestört trainieren kann. Aber die Vereine sind teuer. Wilking war im selben Verein wie Maria Claudia Salazar, und er musste 60 Euro Vereinsbeitrag bezahlen – pro Monat. „In Deutschland kostet die Mitgliedschaft rund 180 Euro“, sagt er. Pro Jahr.

Aber in Cali, der 2,5-Millionen-Stadt, gibt es nur drei Vereine, und keiner hat mehr als 50 Mitglieder. Aber dafür gab es in Wilkings Verein vier hoch qualifizierte Trainer. Luz Mary Tristan hatte den Verein gegründet, die 14-malige Weltmeisterin. Sie ist eine der Skater-Legenden in Kolumbien, sie trainierte in ihrem Klub die Altersgruppe, zu der auch Wilking gehörte. „Die Läufer ziehen ihr hartes Training durch. Da lässt keiner nach“, sagt Wilking. Die Jüngsten im Verein waren fünf, die Ältesten 22 Jahre alt.

Sie ziehen mit, weil sie diesen Traum haben. Den sozialen Aufstieg durch Inline-Skating. Ihre Eltern gehören zwar schon zum Mittelstand, aber sie definieren diesen Aufstieg anders. „Die wollen Profi im Ausland werden“, sagt Wilking. Die Besten wechseln nach Italien, Frankreich oder in die USA. Leute wie Jorge Botero, Weltmeister von 2002 im Marathon, der fürs italienische World Team Rollerblade fährt, oder Cecilia Baena, dreifache Weltmeisterin von 2004. Baena gewann 2004 den Berlin-Marathon. 2001 war sie „Sportlerin des Jahres“ in Kolumbien. Sie fährt fürs Hyper Race-Team aus den USA. „Botero ist der populärste Skater in Kolumbien“, sagt Wilking. Botero kommt immer wieder in seine Heimat, er fährt bei den kolumbianischen Meisterschaften und arbeitet in den Vereinen.

Wer für eines der drei kolumbianischen Profi-Teams fahren darf, steht an der Schwelle zum Sprung nach Europa. Diese Mannschaften bestehen aus zehn Fahrern und werden von Sportartikel-Herstellern gesponsert. „Doch wer es mit Anfang 20 nicht geschafft hat, hat kaum noch Chancen auf einen Wechsel ins Ausland“, sagt Wilking. Der verlässt den Verein und geht arbeiten. Wenn er einen Job findet.

Es ist ein mühsamer Kampf nach oben. Einmal hat Wilking in einem Rennen gerade mal Platz 20 erreicht. Da war er schon ein halbes Jahr in Cali. „Ein gutes Ergebnis für mich“, sagt er. Schließlich war er in den ersten Monaten im Training noch regelrecht „deprimiert“. Da fuhren ihm sogar Jüngere davon. Und er fuhr Rennen, „in denen 30 Mann das gleich hohe Niveau hatten. Jeder hätte gewinnen können.“ Taktik, Technik, Disziplin, Einsatzwille, überall waren die Kolumbianer besser als der Deutsche, der hinterher fuhr. „Aber so konnte ich mir viel abschauen“, sagt Wilking. Er verbesserte zum Beispiel seine Kurventechnik.

Einige seiner früheren Trainingskollegen wird er bei internationalen Wettkämpfen wiedersehen, da ist er sicher. „Ein paar von denen kommen mal ganz groß raus.“ Maria Claudia Salazar möglicherweise, die Tochter seiner Gasteltern. 2005 wurde sie Weltmeisterin bei den 15-Jährigen.

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