Sport : Der Traum von einer anderen Wirklichkeit

Vor dem Spiel gegen Hertha redet Bochums Trainer nicht über Abstiegsängste, er spricht lieber vom UI-Cup

Richard Leipold

Bochum. Als der VfL Bochum mit Spaßfußball vorübergehend die Bundesliga verblüffte, ging Peter Neururer eher selten zum Friseur. In jenen vergnüglichen Spätsommertagen ließ der Cheftrainer des anfangs bestaunten Aufsteigers sich das Haar nur nach Niederlagen stutzen. Hätte er an dieser Praxis festgehalten, käme der Friseur vermutlich in Verlegenheit: zu wenig Termine. Die Bochumer Mannschaft verliert wieder häufiger – so häufig, dass sie dort angekommen ist, wo die meisten sie von Anfang an erwartet hatten: auf den billigen Plätzen der Liga. Vor dem Auswärtsspiel an diesem Samstag bei Hertha BSC trennen den VfL nur noch zwei Punkte vom Tabellensechzehnten Borussia Mönchengladbach. Der Klassenverbleib, lange Zeit als sicher eingestuft, wird zur Zitterpartie.

Neururer, der ein Motivationskünstler ist, scheint wieder einmal entzaubert – wie an vielen anderen Stationen seiner Karriere. Mehr als ein Jahr lang war es nur bergauf gegangen unter seiner Regie. Trotz eines zunächst großen Rückstandes auf die Tabellenspitze in Liga zwei hatte er den VfL Bochum zurück in die Bundesliga geführt. Dem Aufstieg folgte der Sturm an die Spitze der Ersten Liga. Der VfL übernahm erstmals in seiner an Bundesligajahren reichen Vereinsgeschichte die Tabellenführung. Doch das Verfallsdatum des Bochumer Fußballprodukts rückt näher. Seit ein paar Wochen festigt sich sogar der Eindruck, die Mindesthaltbarkeit sei abgelaufen. Die Mannschaft hat seit sieben Spielen nicht mehr gewonnen.

Die Fans haben längst gemerkt, wo es lang geht. Genug Erfahrung auf den ausgetretenen Pfaden haben sie ja. Sie dichten neuerdings: „Uefa-Cup ade – Abstiegskampf wie eh und je." Neururer lässt sich auf dem Rückweg in die Wirklichkeit mehr Zeit. Es ist nicht lange her, dass er nach oben geschaut hat und den Abstand zu jenen Plätzen ausgerechnet hat, die in den europäischen Wettbewerb führen. Es folgte eine Heimniederlage gegen Hannover 96. Das Absacken seiner Elf habe nichts mit einem grundsätzlichen Qualitätsverlust zu tun oder gar mit Abnutzungserscheinungen im Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft, behauptet Neururer. Die Schwächeperiode sei allein auf „ungünstige Begleitumstände" zurückzuführen, zum Beispiel auf das lange Fehlen verletzter Leistungsträger wie Kalla, Oliseh oder Schindzielorz und auf Fehlentscheidungen der Schiedsrichter zu Lasten des VfL.

Neururer ignoriert den Ernst der Lage auf eine Art, die kurios anmutet. Das Erreichen des UI-Cups sei noch immer „wahrscheinlicher als der Abstieg", behauptet er. Eine hochoptimistische Einschätzung, wie Kritiker befinden. Aber Neururer bleibt dabei: Der Klassenverbleib sei „hochrealistisch".

Trotz eines schweren Restprogramms blickt Neururer schon über das Saisonende hinaus – voller Zuversicht, versteht sich. „Der Klassenerhalt in diesem Jahr wäre die Garantie für eine längere Zukunft in der Bundesliga", sagt er. Mit solchen Träumereien hat er zuletzt nicht unbedingt die Mannschaft überzeugen können. Nationalspieler Paul Freier, anfangs die Verkörperung des Bochumer Lustprinzips, klagt inzwischen, vieles falle „nicht mehr so leicht" wie vor ein paar Monaten. In der Chefetage dagegen weiß Neururer, dessen Vertrag in der Hinrunde vorzeitig verlängert wurde, zu überzeugen. Mit viel Raffinesse umschmeichelt er in jedem längeren Interview den Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Altegoer. In all den Jahren hat Neururer gelernt, sich die Eitelkeit seiner Vorgesetzten zunutze zu machen. Auch der neue Vorstandsvorsitzende Dieter Meinhold, zuvor Kommunikationsmanager beim Automobilhersteller Opel, schwärmte vor seinem Amtsantritt von den guten Sympathiewerten des VfL-Trainers. Dennoch wirft der sportliche Abschwung die Frage auf, ob Neururer sich in Bochum länger halten kann als anderswo. Sein Vertrag läuft bis Juni 2005. Ob er auch für die Zweite Liga gilt? Das verrät der sonst so geschwätzige Trainer nicht.

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