Sport : Der Triumph der Ersatzfrau

Andrea Henkel kam als Reservistin zur Biathlon-Weltmeisterschaft – und siegt über 15 Kilometer

Helen Ruwald[Hochfilzen]

Nachdem Andrea Henkel die Ziellinie überquert hatte, presste sie die Hände vors Gesicht. Ihre Tränen konnte sie dennoch nicht verbergen und zurückhalten sowieso nicht. Sie, die Ersatzläuferin, die eigentlich zu Hause vor dem Fernseher sitzen sollte, führte im WM-Einzelrennen über 15 Kilometer. Einige Minuten später war klar: Sie war Biathlon-Weltmeisterin. Jemand drückte ihr ein Handy ans Ohr, am anderen Ende war ihre Schwester Manuela, die Langlauf-Olympiasiegerin. Viel sprechen konnten die beiden nicht, sie kämpften mit den Tränen, so überwältigt waren sie. „Ich bin überglücklich, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, stammelte die Weltmeisterin später.

Eigentlich sollte die Olympiasiegerin von 2002, die zwei sehr schwache Jahre hinter sich hat, in Deutschland trainieren und ihren Kolleginnen die Daumen drücken für die WM in Hochfilzen. Doch weil Martina Glagow, die WM-Zweite von 2004, krank wurde, durfte die 27-Jährige mit nach Tirol fahren. Und weil Simone Denkinger in den ersten Rennen schlecht schoss und zweimal nur 32. wurde, Andrea Henkel aber im Training am Schießstand überzeugte, setzte Bundestrainer Uwe Müssiggang sie gestern ein – und der Thüringerin gelang die bisher größte Überraschung dieser Weltmeisterschaft. „Das erste Jahr nach Olympia ging noch, das zweite war schwierig. Jetzt musste was kommen“, sagte Andrea Henkel. „Dass ich tatsächlich Weltmeisterin bin, werde ich erst im Frühjahr richtig begreifen.“

Bei 20 Schüssen machte sie im Schneetreiben nur einen Fehler und überzeugte auch in der Loipe. Als sie zum letzten Mal an den Schießstand kam, hörte sie, wie der Stadionsprecher brüllte, sie liege auf Goldkurs. Doch Henkel ließ sich nicht verunsichern. Sie traf viermal, zögerte lange, konzentrierte sich – und traf auch die fünfte Scheibe. Ein entscheidender Treffer, bedeutet ein Fehlschuss in diesem Rennen doch eine Strafminute anstelle der sonst üblichen Strafrunde und ist in der Loipe kaum aufzuholen. „Sie hat unglaubliche 38 Sekunden Vorsprung“, schrie der Stadionsprecher. Noch war Henkel der Titel freilich nicht sicher, die zwölf Minuten nach ihr gestartete Chinesin Sun Ribo entpuppte sich als größte Konkurrentin. Doch die Nummer 48 im Gesamtweltcup verlor das Duell der Außenseiterinnen und wurde Zweite vor der Norwegerin Linda Tjörhom.

Kurz nach dem Sieg trugen sich die ersten Gratulanten ins Gästebuch auf Andrea Henkels Homepage ein. „Das hast du toll gemacht und allen gezeigt, was du drauf hast“, schrieben „deine alte Bibliothekarin und dein alter Lehrer“ aus Henkels Wohnort Großbreitenbach in Thüringen. Ihr Können hatte sie schon in Salt Lake City beim überraschenden Olympiasieg über dieselbe Distanz bewiesen. Danach allerdings blieben die Leistungen aus: Bei der WM 2003 wurde sie beim einzigen Start nur 16., 2004 in Oberhof gar nur 26. Die Erwartungen nach dem Olympiasieg seien zu hoch gewesen, meint Uwe Müssiggang, „sie war nicht mit Abstand die Beste, sie hat Liv Grete Poirée vor und nach Olympia nie geschlagen. Sie war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“

Ein Gewehrwechsel und mehrere Krankheiten bremsten die Sportsoldatin, die erst nach einer Mandeloperation im Frühjahr 2004 wieder problemlos trainieren konnte. Doch einem zweiten Platz zum Saisonauftakt folgten wegen zahlreicher Fehlschüsse viele Platzierungen jenseits von Rang 20. Auch mit einem vierten Platz beim letzten Weltcup vor der WM in Pokljuka (Slowenien) konnte sie sich, obwohl qualifiziert, gegen starke deutsche Konkurrenz nicht mehr für das WM-Team qualifizieren. Als Martina Glagow krank wurde, nutzte sie ihre Chance. Mit zwei Wettkämpfen weniger in den Knochen lief sie der Konkurrenz davon. Besonders gefreut haben wird das einige Fans aus Großbreitenbach: Als sie von Henkels Start erfuhren, reisten sie spontan nach Tirol. Der Stress hat sich gelohnt.

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