Sport : Der Trost des Konjunktivs

Hertha BSC kämpft gegen den Abstieg, doch Manager Hoeneß redet öffentlich von Platz drei oder vier

Stefan Hermanns

Mönchengladbach. Der Arbeitstag näherte sich schon dem Ende, als Marcelinho doch noch einen kleinen Erfolg feiern konnte: Herthas Mittelfeldspieler gewann einen Zweikampf, und diese Szene war aus zwei Gründen bemerkenswert. Zum einen, weil ein solches Erlebnis für Marcelinho auf dem Bökelberg die große Ausnahme gewesen war; selten hat man den Brasilianer derart planlos auf einem Fußballfeld erlebt wie am Samstag gegen Borussia Mönchengladbach. Und zum anderen, weil Marcelinho den Zweikampf nahe der Eckfahne gewann – der des eigenen Tores. In solchen Regionen bewegt sich der Brasilianer sonst nur beim Warmmachen vor dem Spiel.

Je länger das Spiel dauerte, desto weiter zogen sich die Fußballer von Hertha BSC zur Verteidigung ihres 1:0-Vorsprungs zurück. Am Ende hatte der Gladbacher Jeff Strasser das Gefühl, dass er immer wieder auf eine Menschenwand an Herthas Strafraum zulief. „Von Berlin hat man vorne überhaupt nichts mehr gesehen“, sagte er. Hans Meyer, Herthas Trainer, klagte, seine Mannschaft habe in der zweiten Halbzeit zu wenig gemacht. Und so kam, was alle Berliner mit aller Macht verhindern wollten: Fünf Minuten vor Schluss erzielte Ivo Ulich den 1:1-Endstand.

Zu diesem Zeitpunkt waren alle taktischen Konzepte der Berliner längst hinfällig geworden. Roberto Pinto, der Torschütze zum 1:0, sollte im ungewohnten linken offensiven Mittelfeld spielen, doch nach der Pause existierte seine Stellenbeschreibung allenfalls noch in der Theorie. „Da habe ich nur noch gegen einen Mann gespielt“, sagte Pinto. Herthas Offensivspieler hetzte dem Gladbacher Ulich hinterher, und es war die passende Pointe für das erfolglose Mühen, dass Pinto beim Ausgleichstreffer seines Gegenspielers einen Tick zu spät in die Flugbahn des Balles rutschte.

„Mir kam es in der zweiten Halbzeit so vor, als wären wir in Unterzahl gewesen“, sagte Pinto. Es gab keinen konstruktiv vorgetragenen Angriff mehr, und obwohl die Gladbacher Abwehr immer riskanter spielte, schafften es die Berliner mit ihren Konterversuchen nicht ein einziges Mal in den Strafraum ihres Gegners. „Wir haben begonnen, die ganze Sache zu weit hinten anzugehen“, sagte Meyer. Das 1:1 fiel am Ende fast zwanghaft. Zum zehnten Mal in dieser Saison hat Hertha nach einer 1:0-Führung nicht gewonnen, und inzwischen nimmt die Angst vor dem Gegentor fast pathologische Züge an. „Eine richtige Begründung haben wir dafür nicht“, sagte Manager Dieter Hoeneß. Er erklärte den massiven Rückzug der Berliner „aus dem Glauben, dass man den Vorsprung verteidigen muss“. Schon vor zwei Wochen gegen Rostock war beim Ausgleich ein ähnliches Fehlverhalten zu beobachten gewesen. Als der Treffer fiel, sahen sich zwei Rostocker in Herthas Strafraum sieben Berlinern gegenüber.

An gutem Willen mangelt es der Mannschaft nicht, aber an Selbstvertrauen und der daraus resultierenden spielerischen Klasse. Trotzdem sagte Hoeneß: „Wenn wir alle Spiele gewonnen hätten, in denen wir 1:0 geführt haben, wären wir Dritter oder Vierter.“ Solche Einlassungen sind in der kniffligen Situation alles andere als förderlich. Sie gründen nämlich auf der tiefen Selbstüberschätzung, die Hertha erst in diese gefährliche Lage gebracht hat.

Hoeneß selbst hat vor kurzem gesagt, sein Fehler sei gewesen, dass er die Mannschaft vor der Saison nicht davon abgehalten habe, sich die Champions League zum Ziel zu setzen. Doch auch der Manager wehrt sich in seinem Innersten immer noch gegen die Erkenntnis, dass Hertha nur gegen den Abstieg spielt. Nicht mehr.

Der Verein lebt weiter im Konjunktiv. Als Huub Stevens noch Trainer und die Mannschaft erfolglos war, erklärte Hoeneß öffentlich, welche Spiele, die die Mannschaft verloren hat, sie eigentlich hätte gewinnen müssen oder können. Wem hilft so etwas? Der Mannschaft gewiss nicht. Wenn die ihre Hoffnung vor allem aus ihrem so genannten Potenzial schöpft, das angeblich so viel besser ist als das der Konkurrenz, folgt sie nämlich nur der gleichen kruden Logik. Wie viel Wert Potenzial wirklich besitzt, hat Real Madrid, die Mannschaft mit dem wahrscheinlich größten Potenzial der Welt, vor zwei Wochen in der Champions League gesehen.

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