Sport : Der unangenehme Favorit

Andreas Klöden will nicht über Doping reden, sieht sich zu wenig gewürdigt und verteidigt Jan Ullrich

Sebastian Moll[Canterbury]

Man wird gewiss wieder sagen, das war ja nur der Prolog, das waren ja erst acht von 3500 Kilometern, das Ergebnis bedeutet noch gar nichts. So hatte allerdings auch Jan Ullrich nach dem Prolog im Jahr 2004 seine 14 Sekunden Rückstand auf Lance Armstrong abgewiegelt. Aber, man erinnere sich, am Ende der Tour hatte Ullrich fast neun Minuten Rückstand auf Armstrong. Insofern bedeutet das Prolog-Ergebnis eben doch etwas. Die Tatsache, dass Andreas Klöden am Samstag seinen Hauptgegnern um den Tour-Sieg zwischen 23 und 30 Sekunden abgenommen hat (die erste Etappe am Sonntag gewann im Massensprint der Australier Robbie McEwen), weist Klöden ohne Zweifel als überlegenen Favoriten in diesem Jahr aus.

30 Sekunden auf acht Kilometer – da darf man schon von Dominanz sprechen, zumal Klöden in den Bergen noch stärker einzuschätzen ist als bei einem kurzen Zeitfahren. Außer Klödens überragender Verfassung zeichnete sich in den vergangenen Tagen aber im Hinblick auf die kommenden Wochen noch etwas anderes ab. Andreas Klöden hat den Medien und der Öffentlichkeit den Krieg erklärt.

Als er nach dem Prolog stumm im türkisblauen Bus seiner kasachischen Mannschaft Astana verschwand, war dies nur die konsequente Fortsetzung seines übellaunigen Auftritts bei der Mannschaftspräsentation am Donnerstag. Mit tief in das Gesicht gezogener Baseballkappe gab er dort ungefragt bekannt, dass er nur über seine Form reden werde und dass er sich weigere, über „irgendwelche durchgeknallten Jaksches“ zu sprechen. Klödens Bockigkeit – auch gegenüber Jaksches Geständnis – ist keine Überraschung mehr. Im vergangenen Jahr stand er vor der anberaumten Pressekonferenz am Ruhetag vor dem T-Mobile Hotel und plauderte mit Mechanikern seiner damaligen Mannschaft. Als er in den Saal gebeten wurde, um die Fragen der versammelten Kollegen zu beantworten, raunte er dem Mechaniker zu: „Ich muss jetzt diesen Scheiß machen.“

Klöden mag die Medien nicht. Aus seiner Sicht hat diese Abneigung allerdings auch einen guten Grund. Als er im Jahr 2004 Zweiter der Tour de France wurde, nahm kaum jemand davon Notiz. Wesentlich interessanter war damals, dass Jan Ullrich „nur“ Vierter wurde. Es war die Fortsetzung von Klödens Erfahrung, seit er 1998 als Neuprofi zum damaligen Team Telekom kam und schon 2000 mit dem Sieg beim Klassiker Paris-Nizza und mit seiner Olympia-Medaille sein großes Talent bewies. Verstärkt wurde Klödens Abneigung gegen die Medien, als die gleichen Leute, die sich vorher nur für Jan Ullrich interessiert hatten, sich nach den Enthüllungen über dessen Verstrickung in die „Operacion Puerto“ vehement gegen das einstige Idol wendeten.

Spätestens diese Entwicklung löste endgültig Klödens Unleidlichkeit aus, damals noch ein wenig gebremst durch die hochprofessionelle PR-Abteilung des Teams T-Mobile. Bei Astana scheint hingegen niemand zu sein, der ihn zu vorsichtigerem Auftreten ermahnt. Klödens Selbstdarstellung wirft freilich im jetzigen Klima des angebrachten Generalverdachts Fragen auf. Wenn man eins und eins zusammen zählt, ergibt sich ein Bild, das für Klöden nicht gut aussieht. Da ist zunächst einmal die Nähe von Klöden zu Jan Ullrich. So eng waren die beiden miteinander vertraut, dass Klöden in die Schweiz zog, um täglich mit seinem Freund und Kollegen trainieren zu können und im Kreis der Familien die Abendstunden zu verbringen. Da ist weiter die standhafte Weigerung Klödens bis heute, die Verdachtsmomente gegen Jan Ullrich auch nur in Betracht zu ziehen. Stattdessen ereiferte sich Klöden von Anfang an darüber, dass sein Freund behandelt werde wie ein Krimineller. Als Jan Ullrich nach seiner Rücktrittserklärung bei Beckmann auftrat, wurde Klöden zugeschaltet und durfte auf seinen Kameraden einen Nachruf in die Kameras sprechen. Nur Gutes kam über Klödens Lippen, was für ein toller Kapitän und guter Kumpel Ullrich gewesen sei und dass er ihn auch so in Erinnerung behalten werde. Viele weitere glückliche gemeinsame Stunden im Privaten zusammen mit Ullrich wünschte sich Klöden abschließend noch.

Diese Nibelungentreue trug letztlich gewiss dazu bei, dass Andreas Klöden kein Teil des Neuanfangs beim Team T-Mobile mehr war. Zusammen mit Matthias Kessler und Alexander Winokurow, den beiden anderen Männern im engsten Kreis um Jan Ullrich bei T-Mobile, gründete er das kasachische Nationalteam Astana. Ein Team, das wie kein Zweites für die „ alte“ Mentalität im Radsport steht, für das Herunterspielen des Dopingproblems, für das Mauern und das Leugnen. Insofern ist Andreas Klöden sicher kein glücklicher Top-Favorit für eine Tour, die einen Neubeginn signalisieren soll.

Wie so viele vor ihm empört er sich über die unangenehmen Fragen, die ihm gestellt werden. So, wie sich etwa die Fahrer im Jahr 1998 gegen die Übergriffe der französischen Polizei gewehrt hatten und dagegen, wie „Verbrecher“ behandelt zu werden. Wortführer des beleidigten Pelotons war damals Bjarne Riis. Mittlerweile hat sich Riis zähneknirschend zur Offenheit durchgerungen.

Die zweite Etappe führt heute von Dünkirchen nach Gent (168,5 Kilometer).

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