Sport : Der unbekannte Verfolger

Tränen, Wut und Ehrenerklärungen: Wie die Biathleten auf die Dopingvorwürfe reagieren

Andreas Morbach

Östersund/Berlin - Eigentlich wollte Andrea Henkel überhaupt nichts sagen. Kein Wort zu ihrem sportlichen Absturz nach dem Traumstart in die WM. Und keine Silbe zu den neuerlichen, nun erstmals mit Namen unterfütterten Dopingvorwürfen gegen zahlreiche deutsche Biathleten. Am Freitagabend hatte die Nachricht über eine anonyme Anzeige bei der Wiener Staatsanwaltschaft die Flure im deutschen WM-Quartier „Quality“ zum Beben gebracht. Und zwanzig Stunden später erlebte die 30-jährige Henkel, Doppelweltmeisterin von Östersund im Sprint und in der Verfolgung, mit Platz 22 im Massenstart auch einen persönlichen Tiefpunkt. Trotzdem kam die kleine Frau aus Großbreitenbach mit verheulten Augen dahergestapft. Mit zitternder Stimme sprach sie über die Namensliste mit angeblichen Dopingsündern. „Das hat mich völlig fertig gemacht“, schluchzte sie, „es geht eben nicht alles spurlos an einem vorüber – auch wenn man unschuldig ist. Es ist eine Schweinerei.“

Die Tageszeitung „Österreich“ hatte die Liste gerade veröffentlicht. 31 Namen von Spitzensportlern finden sich darauf, auch von zehn deutschen Athleten: neben den bereits zurückgetretenen Biathleten Sven Fischer, Ricco Groß, Uschi Disl und Katrin Apel unter anderem auch die deutschen Weltmeisterschafts-Teilnehmer Michael Greis, Alexander Wolf, Daniel Graf, Michael Rösch und Martina Glagow. Und Andrea Henkel.

Jenseits des Entsetzens, das manchem der Staffel-Männer am Samstag noch deutlich anzusehen war, reagierte der Deutsche Skiverband (DSV) mit einer eidesstattlichen Erklärung seiner Athleten. Die Sportler sollen nicht nur versichern, niemals Kontakt zur Blutbank Humanplasma gehabt zu haben. Sondern auch dass sie niemals irgendwo auf dieser Welt gedopt haben.

Dafür haben Verband und Athleten schon Anerkennung von Deutschlands höchstem Sportfunktionär erhalten. „Für mich wiegt die eidesstattliche Versicherung unserer Athleten mehr als eine anonyme Anzeige“, sagte Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Es mache ihn „nachdenklich, dass es aufgrund einer anonymen Anzeige möglich ist, Athleten namentlich derart an den Pranger zu stellen“.

Bei eidesstattlichen Versicherungen bleibt es wohl nicht. DSV-Präsident Alfons Hörmann sagte: „Wir werden uns mit allen Rechtsmitteln gegen diese Form der Verleumdung wehren.“ Über eine Anzeige gegen Unbekannt wollten sie versuchen „an die Quellen zu kommen und diesen Sumpf trocken zu legen“.

Laut der anonymen, aber sehr detaillierten sechsseitigen Anzeige, die manche Beobachter allerdings als „völlig unseriös“ bezeichnen, sollen drei österreichische Transfusionsmediziner seit dem Jahr 2000 in Wien und Linz systematisch Blutdoping betrieben haben. Einer der Beschuldigten ist der seit längerer Zeit verdächtigte Arzt Paul Höcker, der in der Vergangenheit auch für die Wiener Blutbank Humanplasma gearbeitet haben soll.

Geballte Vorwürfe, die Deutschlands Biathleten in einen Gefühlstrudel zwischen tiefem Schock und gewaltiger Entrüstung warfen. „Einigen hier hat es die Beine weggezogen“, berichtete Männer-Bundestrainer Frank Ullrich. Dreifach-Olympiasieger Michael Greis bemühte sich jedoch demonstrativ um Gelassenheit: „Ich bin aus dem Alter raus, wo man sich von so etwas fertig machen lässt.“

Ähnlich radikal äußerte sich auch der sonst so fröhliche Michael Rösch. „Da wird gerade versucht, eine Sportart in den Boden zu stampfen“, glaubt der 24-Jährige, „die Situation setzt mir schon zu – schließlich denkst du, dass dich jetzt jeder schief anschaut.“ Den Verfassern der Wiener Anzeige rief er von Östersund aus zu: „Das ist eine absolut feige Aktion und unter aller Sau.“ Wenig verwunderlich angesichts dieses Tonfalls, dass der Sohn des ehemaligen Biathlon-Weltmeisters Eberhard Rösch vor den anstehenden Untersuchungen „null Angst“ hat. Er sagt stattdessen: „Das Gute wird siegen.“ Andreas Morbach

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