Sport : Der ungezähmte Tivoli

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Stefan Hermanns über die archaischen

Sitten bei Alemannia Aachen

Die Gegentribüne auf dem Aachener Tivoli ist der Schrecken aller Zweitligafußballer. Es soll gestandene Profis geben, die an der Seitenlinie regelrecht zusammenzucken, wenn der ganze S-Block „Ra Ra Ra“ brüllt. Man muss sich das Geräusch so ähnlich vorstellen wie in Hitchcocks Thriller „Die Vögel“, wenn sich der Himmel mit Krähen verdunkelt: sehr imposant und Furcht erregend in jedem Fall. In solchen Momenten sind die Aachener ganz stolz auf ihre tollen Fans, die in diesem tollen alten Stadion so eine tolle Stimmung veranstalten.

Der Tivoli hat ein bisschen was von einem englischen Stadion, wie es war, bevor der Fußball versitzplatzt und familienkompatibel wurde. In Aachen haben sich die harten Jungs allen Zähmungsversuchen erfolgreich widersetzt. Das hat sich auch am Montag gezeigt, als von der Gegentribüne nicht nur harmlose Ra-Ra-Ra-Rufe kamen, sondern auch Feuerzeuge aufs Feld flogen, Bierbecher und Nägel. Fußball in Aachen ist mit all seinen Auswüchsen ein Biotop aus der vorkommerzialisierten Zeit geblieben. Mit richtigem Bier, Radau und Randale. Dieses Biotop soll nun trockengelegt werden.

Als Konsequenz aus den Ereignissen vom Montag hat der Verein bereits angekündigt, dass vor der Gegentribüne nun Fangzäune installiert, die Eingangskontrollen verstärkt werden und der Ordnungsdienst verbessert wird. Und sollte die Alemannia tatsächlich aufsteigen, werden die Fußballbeamten aus Frankfurt auch die letzten Reste der Anarchie bekämpfen. Die Aachener Fans haben ihrem Verein mit ihrem törichten Verhalten mehr Schaden zugefügt, als ihm durch eine Geldbuße oder eine Platzsperre entstehen wird. Sie haben die Öffentlichkeit darauf aufmerksam gemacht, dass auf dem Tivoli Zustände herrschen, die eigentlich nicht mehr herrschen dürften. Das Stadion wird jetzt endgültig gezähmt. Man könnte auch sagen: Der Tivoli verliert seinen Charakter.

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