Sport : Der Unruhestifter

Herthas Spielmacher Marcelinho verwirrt die Gegner – und oft genug auch die eigene Mannschaft

Stefan Hermanns

Berlin - Seit knapp vier Jahren registrieren Mediziner in Berlin das Auftreten einer seltenen Krankheit. Die Symptome sind nicht besonders schlimm, Kopfschmerzen oder Magenprobleme meistens, und in der Regel verschwinden sie über Nacht wieder. Man könnte die Krankheit die Sonntagskrankheit nennen oder auch Morbus marcelinhensis, nach dem Berliner Fußballprofi Marcelinho, dem einzigen bisher bekannten Patienten. An Tagen nach Spielen mit Hertha BSC meldet er sich häufig krank, Auslöser ist vermutlich die Aussicht auf einen regenerativen Waldlauf. Wenn die Mannschaft tags darauf mit dem Ball trainiert, ist Marcelinho wieder genesen.

Bei Hertha akzeptieren sie die individuelle Trainingsgestaltung ihres Stars, wie sie auch vieles andere akzeptiert haben, seitdem sie den Mittelfeldspieler im Sommer 2001 von Gremio Porto Alegre verpflichtet haben. „Marcelinho hat einen besonderen Wert für die Mannschaft, deshalb genießt er eine Sonderstellung“, sagt Manager Dieter Hoeneß. Das sei in anderen Vereinen genauso, „es geht nur darum, dass man die Grenzen wahrt“.

Eigentlich aber hat Marcelinho diese Grenze am Sonntag überschritten. Im Spiel bei Borussia Dortmund geriet er in der Pause mit Herthas Kapitän Arne Friedrich aneinander. Der Disput endete damit, dass Marcelinho im Kabinengang gegen seinen Kollegen handgreiflich wurde. Erst zwei Tage später – auf Druck des Vereins – entschuldigte er sich, Friedrich und Marcelinho stellten sich Arm in Arm den Fotografen, und mit dieser für die Öffentlichkeit inszenierten Schmierenkomödie fand die Angelegenheit doch noch ein harmonisches Ende.

Sehr zur Freude von Dieter Hoeneß, der mit dem Thema ohnehin sehr defensiv umgegangen ist. Auch Trainer Falko Götz hat den Konflikt weitgehend heruntergespielt. Es war eine Frage der Abwägung: Wie viel Exaltiertheit darf ein Trainer seinem Star gestatten, ohne dass der mannschaftliche Erfolg darunter leidet? Der VfL Bochum hat vor einem Jahr in einer vergleichbaren Situation – nach einer körperlichen Auseinandersetzung unter Kollegen – genau andersherum entschieden. Auch Sunday Oliseh galt als wichtigster Spieler seiner Mannschaft, trotzdem wurde er nach seinem Kopfstoß gegen Vahid Hashemian entlassen. Hoeneß aber hätte wohl sogar von einer Strafe für Marcelinho abgesehen, wenn der sich zeitnah bei Friedrich entschuldigt hätte.

Hertha war es wichtig, Marcelinho nicht zu demütigen. „Er hat eine sensible Seele“, sagt Hoeneß. Eine Störung dieser sensiblen Seele könnte den Erfolg des großen Ganzen gefährden. Seitdem Marcelinho bei Hertha spielt, hat er in jeder Saison die meisten Tore geschossen. Auch in dieser ist das wieder so. Der Brasilianer hat zwölf Tore erzielt und elf vorbereitet. Damit war er an fast der Hälfte aller Treffer Herthas (47) beteiligt. Das macht ihn, gemeinsam mit seiner Unberechenbarkeit auf dem Platz, zu einem der herausragenden Spieler der Bundesliga.

Dieter Hoeneß weiß sehr genau, dass die Mannschaft von Marcelinho abhängig ist, auch wenn er das nicht gerne hört. Als der Brasilianer in der vorigen Saison mehrere Wochen ausfiel, hatte Herthas Manager „gehofft, dass es der Mannschaft gelingt, diesen Ausfall zu kompensieren“. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Die Konsequenz daraus war die Verpflichtung des Türken Yildiray Bastürk, eines weiteren kreativen Mittelfeldspielers, der Marcelinho entlasten soll. Auch die Mannschaft kennt das ungesunde Abhängigkeitsverhältnis, und doch akzeptiert sie Marcelinhos Sonderstellung, weil sie letztlich finanziell von der Qualität ihres schwierigen Kollegen profitiert. Doch auch diese Einsicht hat ihre Grenzen.

In den vier Jahren, in denen Marcelinho für Hertha spielt, ist er immer ein Einzelgänger geblieben. Freunde in der Mannschaft hat er keine. „Er ist vom Typ her nicht einfach“, sagt Giuseppe Reina. Bis heute weigert sich der Brasilianer, in der Öffentlichkeit deutsch zu sprechen. Auch seine Entschuldigungsrede an die Mannschaft ließ er vom Dolmetscher übersetzen. Möglicherweise fehlten Marcelinho in der Auseinandersetzung mit Friedrich ganz einfach die verbalen Mittel, um sich zu verteidigen.

In Konfliktsituationen reagiert Marcelinho wie ein Kind. Deshalb ist die Hoffnung von Dieter Hoeneß nicht ganz unbegründet, dass der Brasilianer heute gegen den SC Freiburg (15.30 Uhr, Olympiastadion) „von der Körpersprache ein klares Signal setzt“. Dieses Verhaltensmuster wäre nicht neu. Vor zwei Jahren war Marcelinho sowohl von der Vereinsführung als auch von den Kollegen heftig kritisiert worden, weil er nach zwei bitteren Niederlagen ausgiebig Karneval gefeiert hatte. Das Spiel danach gewann Hertha 6:0. Marcelinho schoss zwei Tore.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben