Sport : Der Unscheinbare aus der Bahnhofsstraße

Martin Hägele

Kaiserslautern. Im Mai wäre es einfacher gewesen, eine Geschichte über den Fußballtrainer Andreas Brehme zu schreiben. Gewogen und für dieses Geschäft zu leicht befunden, urteilten die Experten damals. Noch im Sommer werde seine Frist beim 1. FC Kaiserslautern ablaufen. Auf den Tippzetteln der Wettbüros konnte der 40-Jährige nachlesen, dass er als erster Trainer in der laufenden Bundesligasaison rausgeschmissen wird. Gelegentlich stellten sogar eigene Spieler den Sportdirektor bloß, indem sie die besten Bonmots aus Kabinenansprachen an Zeitungen weitergaben.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Inzwischen aber weilen die Kollegen Frank Pagelsdorf und Werner Lorant im Zwangsurlaub, während Andreas Brehme am heutigen Nachmittag mit dem 1.FC Kaiserslautern als selbstbewusster Tabellenführer zum FC Bayern München kommt. Er kann gewiss sein, dass momentan keiner mehr seine Entlassung fordert. Vergangene Woche hat er seinen Kontrakt um zwei Jahre verlängert. Bis 2004. Und wenn man fragt, wie ein schon Abgeschriebener drei Monate später als neue Größe des Trainermetiers gehandelt wird, fallen Antworten, die sonderbarerweise auch mit der schlichten Ausdrucksweise Brehmes zu tun haben. "Er spricht die Sprache der Spieler" oder "er folgt beim Fußball seinem Instinkt", sagen die Journalisten in Kaiserslautern. Jürgen Klinsmann, der im Sonderlehrgang für Nationalspieler mit Brehme die Trainerlizenz erwarb, stellte fest: "Andi bringt die Dinge auf den Punkt, er denkt immer praktisch."

Wahrscheinlich steckt der Fußball doch tiefer in den Genen der Weltmeister von Rom, zu augenfällig unterscheidet sich der 90er-Jahrgang von seinen Vorgängern. Rudi Völler bewährt sich als Teamchef der Nationalelf, Lothar Matthäus versucht sich als Trainer bei Rapid Wien, Klaus Augenthaler profiliert sich beim 1. FC Nürnberg, und Pierre Littbarski versucht sich beim MSV Duisburg. Als nächstem prophezeit Bayern-Manager Uli Hoeneß Jürgen Klinsmann eine Trainer-Karriere, er müsse nur mal aus Kalifornien einfliegen. Aber ausgerechnet der Unscheinbarste aus dem Weltmeisterkader verkörpert nun den Typ Erfolgstrainer. Nur wenige Geschichten existieren über den Spieler, der Deutschland durch seinen verwandelten Elfmeter zum dritten Mal zum Weltmeister kürte. Es gibt auch kaum Interviews mit dem gebürtigen Hamburger. Sobald es offiziell wird, schickt er seiner Meinung ein "ich sach mal" vorweg. Wenn er sich aber zwanglos artikuliert, beweist Brehme durchaus Humor. Das Handy, hat er mal gesagt, sei nicht für die Menschheit, sondern für Lothar Matthäus erfunden worden.

Andreas Brehme war ein gelehriger Schüler. Weniger, weil er die italienische Haute Couture Giovanni Trapattonis kopiert. Sondern weil er schon in seiner aktiven Zeit wenig rannte und viel das Spiel beobachtete. Mittlerweile stellte Beckenbauer beim gemeinsamen Neujahrsurlaub in Kitzbühel fest, "dass der Andi selbst in den Ferien nur an den 1. FC Kaiserslautern denkt".

Der Stadt, von der aus er seine Karriere startete, ist für Brehme zum zweiten Mal zum Glücksfall geworden. In Kaiserslautern will man sehen, dass die Leute normal sind. Brehme wohnt im Hotel Schulte an der Bahnhofsstraße, 300 Meter entfernt vom Betzenberg. Wenn er von seinen Abstechern zur Familie nach München zurückkommt, erzählt er nicht vom Golfspielen oder der New York Opera wie sein Vorgänger Otto Rehhagel. Brehme gebührt das Verdienst, den 1. FC Kaiserslautern wieder zu einem normalen Klub gemacht zu haben.

Die Menschen in der Pfalz haben es geschätzt, dass er im Fall des Youri Djorkaeff auch vergessen konnte. Brehme erkannte, dass er den französischen Weltmeister noch brauchen werde. Umgekehrt sortiert er Mario Basler allmählich aus. Der Kapitän, Libero, Spielmacher und Pressesprecher, hat in dieser Woche selbst gemerkt, dass er für Kaiserslautern entbehrlich geworden ist. Im Gegensatz zu Andreas Brehme.

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