Sport : Der unschuldige Bagger

Wie es zum Bremer Stromausfall kam

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Noch gegen Mitternacht standen dem Mann die Schweißperlen auf der Stirn. „Wir haben eine spannende Saison versprochen – nun haben wir ja damit angefangen.“ Mit einem erzwungenen Scherz versuchte Wilfried Straub, entscheidender Mann in der Deutschen FußballLiga (DFL) und unfreiwillig in den Mittelpunkt gelangt, die grotesken Geschehnisse des beinahe geplatzten Bundesliga-Auftaktspiels aufzuarbeiten. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, sagte er nach dem 1:0-Sieg des Deutschen Meisters Werder Bremen über Schalke 04. Das Siegtor von Nelson Valdez (84.) geht als das am spätesten erzielte in die DFL-Geschichte ein: Es fiel um 23 Uhr 14.

Dass das Eröffnungsspiel Werder Bremen gegen Schalke 04 nach einem Stromausfall mit 65-minütiger Verspätung überhaupt noch angepfiffen wurde, war lange Zeit fraglich gewesen. „67 Minuten hätte es nicht dauern dürfen“, sagte Straub, „dann hätten die Polizei oder ich die Veranstaltung geschlossen.“ Dieses Notfallszenario war schon besprochen, der Ausweichtermin (Samstagabend) unterbreitet, ehe die Stadtwerke Bremen das Notstromaggregat für die vier Flutlichtmasten ans Netz nahmen. Um 21 Uhr 34 hetzte DFL-Boss Werner Hackmann vom Ehrenplatz auf der Nordgeraden über den Rasen, um dem auf der gegenüber liegenden Seite stehenden Straub die das Spiel sichernde Mitteilung zu machen. „Wir hatten ja keine Handyverbindung mehr“, sagte Straub, und Hackmann fügte an: „Es gibt keine Versicherung für alle Lebenslagen – obwohl das DFL-Regelwerk eigentlich für alles vorgesorgt hat.“

Unverhofft musste das in seinem Hause ausgetüftelte Beiwerk zum Fußball-Spaß im Weserstadion entfallen: Zum geplanten Anpfiff um 20 Uhr 30 wurde der rote Teppich für die Eröffnungsrede Hackmanns eingerollt, Kinder in den Trikots der 18 Bundesligisten waren um ihren Auftritt bei der Eröffnungszeremonie gebracht worden und weinten bitterlich. Für die Improvisation feierte sich die DFL später selbst. „Wir haben kühlen Kopf bewahrt.“ Straub wird noch einen detaillierten Bericht aus Bremen anfordern. Grund für den Stromausfall war allerdings nicht ein Baggerfahrer, der ein Kabel durchtrennte, sondern eine defekte Verbindungsstelle im Stromnetz von Bremen. „Eine der vielen zehntausend Muffen, die die Stromkabel untereinander verbinden, hatte den Geist aufgegeben“, teilten die Stadtwerke Bremen mit. Dieser Fehler habe einen Kurzschluss produziert. Betroffen gewesen seien das Stadion, das Stadionbad und rund 100 Haushalte. Ein Baggerführer habe zu diesem Zeitpunkt nicht in der Nähe des Stadions gearbeitet.

Die Anzeigetafel wurde dunkel, Hektik machte sich breit. „Fußball geht auch ohne Strom“, sangen die Fans. Aber nicht ohne das Fernsehen, das plötzlich der Bilder beraubt war. Straub dementierte, der Anpfiff um 20 Uhr 30 sei nur deshalb nicht erfolgt, weil ARD und Premiere nicht aktuell senden konnten. Oberste Priorität habe stets die Sicherheit der Zuschauer gehabt. Doch die Wahrheit war wohl eine andere. Wer registrierte, wie hektisch die Beteiligten mit ARD- und Premiere-Reportern diskutierten, der ahnte, dass zuerst auf den zahlungskräftigen TV-Partner Rücksicht genommen wurde.

Im Rückblick war das gut so, denn kaum hatten sich zum zweiten Versuch um 21 Uhr 15 die Teams postiert, fielen plötzlich alle vier Flutlichtmasten aus. Unter dem frenetischen Jubel der 42 109 Augenzeugen dieses historischen Lichtspiels wurde die Erleuchtung jedes einzelnen Strahlers zelebriert, und um 21 Uhr 35 wurde dann endlich angestoßen.

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