Sport : Der Unterschätzte

Oliver Bierhoff musste seine Kritiker schon oft überzeugen – das wird als Teammanager der Nationalmannschaft nicht anders sein

Vincenzo Delle Donne

Oliver Bierhoff spricht über Teamgeist. Er erzählt, wie es 1996 war mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und der gewonnenen Europameisterschaft. Der Saal 201 der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität ist voll. Bierhoffs Thema: „Was die Gesellschaft vom Sport lernen kann“. Es ist April, der erste warme Tag des Jahres in Berlin. Einige Studenten im Saal finden es albern, dass Bierhoff hier doziert, sie werfen mit bunten Gummibällen nach ihm. Bodyguards schützen den Fußballstar auf seiner Suche nach neuer Betätigung. Bierhoff lässt sich nicht irritieren. Er kämpft, auch wenn man es ihm nicht ansieht, und bringt die Veranstaltung solide zu Ende. Das war schon auf dem Platz so: Die anderen schwitzten, Bierhoffs Frisur aber saß tadellos.

Die Szene an der Universität ist typisch für eine Konstante in Oliver Bierhoffs Profikarriere: Er wird unterschätzt. Deshalb muss er kämpfen, zäh und verbissen, um die vielen Vorurteile auszuräumen. Jetzt soll er an der Seite von Jürgen Klinsmann Teammanager der Nationalmannschaft werden, und wieder gibt es Kritiker, die fragen: Warum der?

Auf fast allen Stationen als Profi-Spieler musste der 35-Jährige gegen die ihm entgegengebrachte Skepsis ankämpfen. Zu unfertig, zu schlaksig, zu langsam fand ihn etwa Trainer Karlheinz Feldkamp. Ein Urteil, das wie ein Etikett an ihm klebte und dazu führte, dass der Essener beispielsweise bei Bayer Leverkusen und beim HSV aussortiert wurde.

Bei Casino Salzburg und beim italienischen Provinzklub Ascoli, zu dem er dann wechselte, war es nicht anders. „Ich erinnere mich noch heute an die Todesdrohungen, die ich erhielt, als Ascoli auf einem Abstiegsplatz stand“, erzählt Bierhoff. Inter Mailand hatte den „großen blonden Deutschen“ 1991 verpflichtet, aber nach Ascoli ausgeliehen. Schon damals kreuzten sich übrigens die Lebenswege der beiden deutschen Stürmer Klinsmann und Bierhoff. Bei Inter Mailand war Klinsmann der Star der Mannschaft. Während Klinsmann wie ein Blitz einschlug, musste sich Bierhoff den Erfolg in der Fußballprovinz hart erarbeiten. Klinsmann verzichtete ausdrücklich auf einen Manager, Bierhoff hingegen gab sich in die Hände des omnipotenten italienischen Managers Pasqualin. Ein kluger Schachzug.

Bierhoff spielte mehr als zehn Jahre in der schwierigen italienischen Serie A und wurde wie Klinsmann ein Star – und Torschützenkönig der Liga. Bierhoffs Zwang, sich zu beweisen, zu zeigen, dass sich hinter der freundlich lächelnden Person auch ein konsequenter, kompromissloser Typ versteckt, wurde in kuriosen Geschichten deutlich. Als er zum Beispiel 1995 zu Udinese wechselte, vertraute man ihm die Mannschaftskasse an. Mit akribischer Genauigkeit mussten jene Spieler einzahlen, die zu spät zum Training kamen. Bierhoff hatte dabei eine nach Minuten gestaffelte Preisliste entworfen und wendete sie mit preußischer Strenge an.

„Ich schätze an Bierhoff, dass er ein intelligenter Spieler ist“, sagte Alberto Zaccheroni einst über Bierhoff. Der berufliche Weg der beiden kreuzte sich in Udine. Dort trafen sich der damals unbekannte Trainer und der unterschätzte Stürmer. Bierhoff wurde zu Zaccheronis verlängertem Arm. Es war der Beginn einer erfolgreichen Zusammenarbeit. Als Zaccheroni 1998 zum AC Milan wechselte, ging Bierhoff mit ihm. Das Duo bewährte sich auch bei Milan, als der Klub 1999 den nationalen Titel gewann. Die Wege der beiden trennten sich erst, als Zaccheroni ein Jahr später vorzeitig entlassen wurde. Bierhoff verlor so seinen größten Mentor. Er wechselte zum AS Monaco, bevor er bei Chievo Verona 2003 seine Profikarriere beendete. Noch heute repräsentiert Bierhoff in Italien das andere Gesicht des Deutschen und des Fußballspielers – das freundliche.

Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn – Bierhoff hatte inzwischen seinen Diplom-Kaufmann an der Fernuniversität Hagen gemacht – arbeitete Bierhoff als PR-Berater für den Getränkemulti Coca-Cola und den Sportartikelhersteller Nike. Er startete auch eine Karriere als Kokommentator bei Sat1, wo auch seine Schwester arbeitete. Wenn seine Analysen zur Champions League den Fachleuten von den Fußball-Stammtischen steif und unbeholfen vorkamen, Bierhoff blieb – auch da ähnelt er Klinsmann – der Traum-Schwiegersohn vieler Mütter.

Mit Jürgen Klinsmann verbindet Bierhoff mittlerweile ein fast freundschaftliches Verhältnis. „Wir verstehen uns. Jürgen fragt mich um Rat, beispielsweise als er zu Sampdoria Genua wechseln wollte“, sagte Bierhoff einmal. Das neue Team für die Nationalmannschaft, zusammen mit Holger Osieck, könnte demnach so funktionieren: Während Teamchef Klinsmann unablässig die Spieler motiviert und antreibt, bringt der sekundierende Teammanager Disziplin und Strenge in das Mannschaftsgefüge. Über Teamgeist werden sie bis 2006 beide eine Menge reden. Entscheidend wird sein, wie viel davon ankommt.

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