Sport : Der Unvollendete

Stefan Hermanns

über die unerfüllte Karriere des Jens Nowotny Manchmal ist der Fußball nicht besser als das wahre Leben. Manchmal macht auch der Fußball Versprechen, die er nicht halten kann. Jens Nowotny ist ein solches Versprechen gewesen. Anfang der Neunzigerjahre war es, als Nowotny zum ersten Mal auf sich aufmerksam machte. Er spielte in Karlsruhe, und einmal hat er ein Tor erzielt, an das sich die Leute noch heute erinnern. Aus der eigenen Hälfte stürmte er los, vorbei an allen Gegenspielern, und dann wuchtete er den Ball ins Netz. Dieses eine Tor stand für alles, was Nowotny damals verkörperte: für Dynamik, Entschlossenheit und kraftvolle Technik.

Nowotny galt einmal als Zukunft des deutschen Fußballs, als legitimer Nachfolger von Lothar Matthäus, als einer, der Kraft und Technik miteinander hätte versöhnen können. Noch 2000 hat ihn „Die Woche“ als „Säule des deutschen Fußballs“ bezeichnet; sein Spiel sei modern, beinahe komplett, taktisch wie technisch auf dem neuesten Stand. Inzwischen würde sich wohl kaum noch jemand in dieser Weise über Nowotny äußern.

Nach heutigem Stand droht seine Karriere als Unvollendete zu enden. 320 Bundesligaspiele hat Nowotny bestritten, 45 Länderspiele, doch in 14 Jahren als Profi hat er keinen einzigen Titel geholt. Am Samstag nun hat sich der Leverkusener, inzwischen 31 Jahre alt, wahrscheinlich zum vierten Mal das Kreuzband gerissen. Vermutlich wird Nowotny wieder um seine Rückkehr kämpfen, aber diesen Kampf wird allgemeine Skepsis begleiten – so wie Nowotny und sein Spiel immer stärker von Skepsis begleitet werden.

Vielleicht wird Jens Nowotny erst jetzt, da er nicht mehr spielen kann, seinen wahren Wert beweisen. Vor seinem letzten Kreuzbandriss war Bayer Leverkusen – mit ihm – souveräner Tabellenführer der Bundesliga. Ohne ihn wäre die Mannschaft beinahe abgestiegen.

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