Sport : Der Unvollendete

Boxprofi Felix Sturm darf nicht zeigen, was er kann – sein Gegner Gavin Topp muss geschützt werden

Michael Rosentritt

Berlin - Mitten in der sechsten Runde stemmte Felix Sturm seine Boxhandschuhe in die Hüften und verstand für einen Augenblick die Welt im Boxring nicht mehr. Ringrichter Joachim Jacobsen nahm nach Konsultation mit dem Ringarzt seinen Gegner Gavin Topp aus dem Kampf. Sturm wurde zwar als klarer Sieger nach Technischen Knockout ausgerufen, aber besonders glücklich sah der 27-Jährige nicht aus. Er hatte doch gerade erst angefangen.

Die 3000 Zuschauer im Berliner Estrel Convention Center sahen es ähnlich. Auch sie hätten gern mehr gesehen vom früheren Mittelgewichts-Weltmeister, der erstmals nach seiner Niederlage vor fünf Monaten wieder in den Ring gestiegen war. Sturm hatte fünf Runden lang äußerst diszipliniert geboxt und mit seiner starken Führhand sich seinen australischen Gegner, der mit nur zwei Niederlagen aus 24 Kämpfen angereist war, zurechtgehauen. Nach einem Cut bis auf die Knochen über der linken Augenbraue Topps beendete der Ringrichter den Kampf. Sturm, der nicht einmal hart getroffen worden war und aussah als komme er gerade vom Friseur, mochte sein Glück nicht fassen. Er brauchte diesen Kampf und wollte zeigen, was er boxerisch so alles drauf hat. Und nun stand er praktisch unverrichteter Dinge in der neutralen Ecke und konnte sein Werk nicht vollenden. Er muss sich vorgekommen sein wie ein Bildhauer, dem man dem Rohling nach Fertigstellung der Sockelarbeiten aus dem Atelier entwendet hat. „Ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl und hätte gern noch ein paar Sachen ausprobiert“, sagte Sturm in der Nacht: „Es lag nicht an mir.“

Die Pfiffe der Zuschauer galten nicht dem Wirken Sturms, sondern dem ihrer Meinung nach zu frühen Einschreiten des Ringrichters, der für sie der Spielverderber war. Allerdings war für viele im Saal die Schwere der Verletzung nicht erkennbar. Nach einer Schlagwirkung Sturms hatte sich über der linken Braue ein dreiangelartiger Hautfetzen gelöst, der nach Meinung des Ringarztes Thorsten Dolla das Gesichtsfeld einschränkte. Noch in der Nacht war Gavin Topp zur weiteren Behandlung in ein Krankenhaus gefahren worden. Wenige Stunden später saß er im Flugzeug nach down under.

„Ich hätte gern noch ein, zwei Runden mehr gesehen“, sagte hinterher Klaus-Peter Kohl, Chef der Hamburger Unsiversum Box-Promotion, bei dem Sturm unter Vertrag steht. „Leider kam Felix nicht mehr zu dem, was er geplant hatte.“ Sturm selbst ärgerte sich über die Pfiffe. „Manchen Leuten ist wohl zu wenig Blut geflossen, aber hier wurde ein Sportler geschützt“, sagte Sturm.

Von der ersten Runde an hatte er seinen etwas kleineren Gegner mit seiner starken Führhand auf Distanz gehalten und mit präzisen Treffern an Kopf und Körper mürbe gemacht. Er selbst mied, was zu meiden war. Er hielt sich strikt an die Anweisungen seiner Ecke, blieb diszipliniert und ließ für den Geschmack des Publikums seinen Gegner länger stehen als nötig. Für Sturm war es nicht mehr als eine bessere Fingerübung. Er unterließ Mätzchen, die ihm im Juli den Titel gekostet hatten. „Wenn ich meine boxerischen Mittel einsetze, bin ich nur schwer zu schlagen. Ich habe mich wieder aufs Boxen besonnen“, sagte Sturm.

„Felix möchte so schnell wie möglich um eine Weltmeisterschaft boxen, ein realistischer Zeitpunkt wäre der März 2007“, sagte Kohl. Zuvor hatte auf derselben Veranstaltung Sturms Bezwinger aus dem Juli, der Spanier Javier Castillejo, seinen WBA-WM-Titel an den Argentinier Mariano Carrera durch Technischen K.o. in der elften Runde verloren. Aus der geplanten WM-Revanche zwischen Sturm und Castillejo wird nun nichts, vielmehr wird Sturms Management mit dem neuen Weltmeister in den nächsten Tagen verhandeln. Carrera, der Sturms Auftritt in der fünften Ringreihe regungslos verfolgte, gab sich gelassen. Man werde jetzt in Argentinien eine kleine Feier ausrichten, erzählte er: „Und wenn wir uns in ein paar Tagen erholt haben, rufen wir mal an.“

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