Sport : Der Unvollendete

Stefan Hermanns

Man kann dem FC Bayern München vieles vorwerfen, ein feines Gespür für Dramaturgie ist ihm allerdings nicht abzusprechen. Manager Uli Hoeneß hat gestern verkündet, dass Mehmet Scholl im Sommer seine Karriere beenden und sich mit einem Abschiedsspiel gegen den FC Barcelona in den Ruhestand verabschieden werde. Gegen Barcelona hat Scholl 1996 im Halbfinale des Uefa-Cups das wohl beste Spiel seiner Karriere bestritten. Allein jener Auftritt im Camp Nou hat gezeigt, was alles möglich gewesen wäre.

Scholls Karriere ist weitgehend im Konjunktiv verlaufen. Ganz zu Beginn hat er einmal gesagt, er wolle kein guter Bundesligaspieler werden, sondern ein sehr guter, vielleicht der beste. Scholl ist achtmal Meister geworden, so oft wie kein anderer Fußballer in Deutschland, er hat die Champions League gewonnen und war Europameister. Einerseits. Andererseits hat Scholl nie an einer Weltmeisterschaft teilgenommen, nur 36 Länderspiele bestritten, was gemessen an seinem Talent eine geradezu lächerliche Zahl ist. Beim ersten war er fast 25, und allein das zeigt, wie sehr Scholl aus der Zeit gefallen ist. Bastian Schweinsteiger ist 22 Jahre alt und hat schon jetzt häufiger in der Nationalmannschaft gespielt als sein Noch-Kollege mit 36.

Mehmet Scholl ist mit seinem Lebenslauf der prominenteste Vertreter einer verlorenen Generation, die bereits früh desillusioniert wurde. Michael Sternkopf zählt zu ihr, Karlheinz Pflipsen, Marco Haber, Christian Nerlinger, wohl auch Dietmar Hamann und Christian Ziege. Es sind die um 1970 Geborenen, die Anfang der Neunziger zu jung waren für die letzte Blüte des deutschen Fußballs – und 2006 zu alt für die Revolutionstruppen des Jürgen Klinsmann. Scholl war von allen der Begabteste. Ein Trost ist das nicht.

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